© SHFP
Blumenberg und Schwochow über "Bad Banks"

"Es geht nicht mehr darum, einfache 08/15-Helden zu zeigen"

 

Für Arte und das ZDF haben Lisa Blumenberg und Christian Schwochow eine Serie über die Bankenwelt gemacht. Im DWDL.de-Interview sprechen die Produzentin und der Regisseur über die Recherchearbeit, das Ansehen von Bankern und den Stellenwert von Serien.

von Alexander Krei
26.02.2018 - 16:35 Uhr

Frau Blumenberg, Herr Schwochow, wie kommt man auf die Idee, eine Serie über die Banken-Welt zu machen?

Lisa Blumenberg: Die Bankenkrise von 2008 hat uns vor Augen geführt, dass eine geschlossene Welt wie sie die Hochfinanz darstellt, einen unermesslichen Einfluss auf die gesamte Gesellschaft hat, aber wenig oder gar nicht zu kontrollieren ist. Die Idee war es, in diese fremde Welt reinzugehen und aus der Innenperspektive zu erzählen und eben nicht mit Vorurteilen draufzuschauen. Wir wollten ernsthaft ausloten, wer diese Menschen sind, die als Banker arbeiten, und was sie antreibt.

Christian Schwochow: Seit der Finanzkrise spüren viele Menschen, dass das, was in den Banken passiert, mit unser aller Leben zu tun hat. Keinem ist jedoch so wirklich klar, was genau da eigentlich geschieht. Dennoch verfolgen wir mit "Bad Banks" einen Ansatz, der nicht mit dem eines deutschen Themenfilms zu vergleichen ist, wo Schuldfragen sehr simpel und schnell geklärt sind. Das soll nicht despektierlich klingen, aber uns war es wichtig, die Geschichte komplex, aber auch auf unterhaltsame, spannende Weise zu erzählen.

Wo setzt man bei der Recherche für dieses Thema an?

Blumenberg: Das war ein langer Weg. Den ersten, konkreten Gedanken und die ersten Konzeptansätze habe ich im Jahr 2012 entwickelt, 2016 haben wir dann gedreht. Es war eine klassische, beinahe journalistische Recherche. Wir hatten Dutzende von Hintergrundgesprächen mit Menschen auf allen Ebenen der Bankenwelt – von Studenten, die ihre ersten Praktika bei JP Morgan gemacht haben, bis hin zu Vorständen und Investmentchefs. Die Stoffentwicklung wurde zudem von einem Stab an Experten und Expertinnen begleitet. Da es im Kern um zwei Bankerinnen und ihren Umgang mit Macht geht, war es außerdem wichtig, die weibliche Seite in diesem von Männern dominierten Geschäft kennenzulernen.

Was war Ihnen dann bei der Inszenierung letztlich wichtig?

Schwochow: Mir war es sehr wichtig, dass man als Zuschauer einen sinnlichen Eindruck von der Hochfinanz bekommt. Das Publikum soll schmecken, fühlen und riechen, wie es ist, in dieser Welt zu arbeiten und zu leben. Welche Erotik das hat, welches Adrenalin es gibt, welche Anspannung, welche Abgründe. Die Einblicke, die ich in Banken und auf Tradingfloors haben durfte, sind alle mit eingeflossen, und ich bin der Überzeugung, dass auch Investmentbanker, wenn sie unsere Serie sehen, das Gefühl haben: Die Leute, die das gemacht haben, haben sich wirklich damit auseinandergesetzt und nicht einfach nur Klischees, die wir alle im Kopf haben, aneinandergereiht. Dabei spielt auch die Wahl der Schaupieler eine wichtige Rolle.

Inwiefern?

Schwochow: Alle, die im Investmentbanking arbeiten, sind übermäßig intelligent und gebildet. Sie sprechen mehrere Sprachen, haben einen Kampfgeist und ein sehr großes Selbstbewusstsein. Du schaffst diese Belastung nicht, wenn du nicht mit Kräften ausgestattet bist, die viele andere Menschen nicht haben. Daher war die Besetzung auch nicht so leicht, weil die Schauspieler diese Energie mitbringen müssen. Mit Paula Beer haben wir eine junge, schnelldenkende, reflektierte Frau gefunden, die noch dazu unheimlich neugierig und wißbegierig ist. Ihr war die Bankerwelt, wie uns allen, zwar unbekannt, doch hat sie sich extrem schnell und beinahe manisch reingearbeitet. Désirée Nosbusch ist eine Frau, die selbst Unternehmerin ist, sechs Sprachen spricht und zwischen den Kontinenten hin- und herreist. So etwas ist schwer zu erspielen.

Es handelt sich hier um eine deutsch-luxemburgische Produktion. Ist das ein bisschen mit einem Augenzwinkern zu sehen?

Blumenberg: Nein, sicher nicht. Für mich ist von Anfang klar gewesen, dass sich dieses Thema als internationale Ko-Produktion anbietet. Gleichzeitig war die Idee, eine spezifisch europäische Wirklichkeit zu erzählen. Luxemburg ist natürlich ein ganz starker Finanzstandort. Gleichzeitig hat Luxemburg, obwohl es ein so kleines Land ist, eine sehr starke Filmszene und eine potente Filmförderung.

Hat sich durch die Serie Ihre Meinung über Banker verändert?

Schwochow: Das ist eine Welt, in der es keinen Rassismus gibt und auch keine Diskiminierung aufgrund von Religionszugehörigkeiten. Es ist eine multikulturelle Gesellschaft der besten und intelligentesten Leute. Das war mir so nicht klar und fasziniert mich. Die meisten Menschen, mit denen ich mich getroffen haben, sind auch sehr interessiert am Gegenüber. Man kann stundenlang reden, ohne dass es langweilig wird. Bei allem Interesse – Natürlich findet man dann irgendwann heraus, warum dieses System in gewisser Weise krank ist, oder warum man es unbedingt hinterfragen muss.

Blumenberg: Diese Eliten-Welt ist ein Teil des Problems, denn irgendwann vernetzen sich diese Menschen nur noch untereinander. Es ist in allen Eliten das Problem, dass man dann dazu neigt, den Blick für das große Ganze zu verlieren.

"Bad Banks" wurde als sechsteilige Serie angekündigt, früher hätte man Dreiteiler gesagt. Macht das für Sie eigentlich einen Unterschied, ob sie eine sechsteilige Serie machen oder einen dreiteiligen Fernsehfilm?

Blumenberg: Das Projekt wurde als Serie angelegt und konzipiert. Den Unterschied merkt man in der Dramaturgie absolut. Dewegen werden ja auch die Folgen als einzelne Folgen hintereinander ausgestrahlt und nicht zusammengefasst. Arte strahlt am ersten Abend vier Folgen aus, am zweiten Abend zwei. Das ZDF strahlt an drei Abenden hintereinander jeweils zwei Folgen aus.

Schwochow: Der 90-Minüter funktioniert nach anderen Gesetzen. Für mich macht die Programmierung allerdings keinen Unterschied, zumal die Serie in allen Teilen vorher online zu sehen sein wird. Das entspricht auch eher meinen persönlichen Sehgewohnheiten. Ich schaue ja keine Sendung, weil sie auf diese oder jene Weise programmiert wurde, sondern weil mich ihr Thema interessiert.

Generell nimmt der Stellenwert von Serien auch in Deutschland zu. Worauf führen Sie das zurück?

Blumenberg: Das hat womöglich mit einer Sehnsucht zu tun, tiefer in Charaktere einzusteigen und sie in ihrer Ambivalenz und ihren Widersprüchen zu begreifen. Man nimmt diese Serienwelten ja mit in seine Träume. Es geht nicht mehr darum, einfache 08/15-Helden zu zeigen, die ihre typischen und oft vorhersehbarer Verläufe durchgehen. Es geht um Komplexität. Das war vor ein paar Jahren noch ein Schimpfwort. Heute entspricht Komplexität einem wirklichen Bedürfnis beim Zuschauer, vielleicht auch weil das alles viel näher an unserer Lebensrealität und unserem Erleben ist.

Schwochow: Irgendjemand hat einmal gesagt, dass diese komplexen Serien die Romane der Neuzeit sind. Da ist was dran. Was ein Roman auf 500 bis 700 Seiten erzählen kann, das gelingt auch einer gut gemachten Serie. Da gibt es einfach andere Möglichkeiten als im Kinofilm.

Frau Blumenberg, Herr Schwochow, vielen Dank für das Gespräch.

Alle sechs Folgen von "Bad Banks" stehen bereits in der ZDF-Mediathek zum Abruf bereit. Arte zeigt am Donnerstag und Freitag jeweils drei Folgen ab 20:15 Uhr, das ZDF zieht am Samstag (21:45 Uhr), Sonntag (22 Uhr) und Montag (22:15 Uhr nach.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

Teilen

Kommentarbereich anzeigen

Ticker aus New York City

26.11.2019 - 03:54 Uhr
Was für ein Abend in New York
Es waren zwei deutsche Nominierungen im Rennen, doch aufgrund der Panne war nach 10 Minuten schon klar: In diesem Jahr würden deutsche Leistungen leer ausgehen. Ein denkwürdiger Abend. Thomas Lückerath und Alexander Krei schicken nächtliche Grüße aus New York.

Mehr zu den International Emmys

International Emmy 2019 © nternational Academy of Television Arts & Sciences
Auch Jannis Niewöhner ("Beat") ging leer aus

Panne bei den iEmmys: "Bad Banks" verliert früher als geplant

Sie hofften auf eine Auszeichnung bei der Königskategorie am Ende der Verleihung, doch eine Panne gleich in der ersten Kategorie verriet anderthalb Stunden zu früh: Statt "Bad Banks" (ZDF) wurde "McMafia" mit dem Emmy für die beste Serie ausgezeichnet. » Mehr zum Thema
iEmmy Empfang 2019 © Deutsches Generalkonsulat New York/Beowulf Sheehan
ZDF-Empfang am Vorabend der iEmmys

Deutsches Generalkonsulat macht "Bad Banks" den Hof

Auf Einladung des deutschen Generalkonsuls David Gill und ZDF-Intendant Thomas Bellut wurde am Sonntagabend die Emmy-Nominierung für den Finanz-Thriller "Bad Banks" gefeiert. DWDL.de mit den Bildern des Abends. » Mehr zum Thema
Oliver Kienle © imago images / Viennareport
"Bad Banks"-Autor Oliver Kienle

Kienle: "Ich habe sehr früh auf den Emmy geschielt"

Oliver Kienle, Headautor der ZDF-Serie "Bad Banks", macht sich Hoffnungen auf eine Auszeichnung dem International Emmy. Er habe schon sehr früh beim Schreiben auf den Preis geschielt, sagt er und fordert mehr Mut für neue Geschichten. » Mehr zum Thema
Jannis Niewöhner © imago images / APress
Nominiert als bester Schauspieler

Emmy-Hoffnung Jannis Niewöhner: Jenseits der Niedlichkeit

Mit Rehblick, Talent und Körpereinsatz hat sich der Autodidakt Jannis Niewöhner in die Bel Etage der deutschen Topschauspieler hochgearbeitet. Jetzt könnte er den International Emmy für seine Rolle in der Amazon-Serie "Beat" kriegen. Ein Porträt... » Mehr zum Thema
International Emmy 2019 © Tobias Prasse / Film- und Medienstiftung NRW
Eindrücke aus New York

Deutsche Delegation zu Gast bei den International Emmys

In der Nacht zu Dienstag sind in New York die Primetime Emmys vergeben worden. Vor Ort war eine prominent besetzte deutsche Delegation. Auch wenn es keinen Preis gab, überwog die gute Stimmung. DWDL.de mit Impressionen vom Roten Teppich... » Mehr zum Thema
Deutschland 83 gewinnt iEmmy © RTL
Ein Blick zurück

Deutsche Emmy-Erfolge: Die Abräumer der letzten Jahre

Gleich zwei Mal heißt es diesmal aus deutscher Sicht Daumen drücken bei den International Emmys. Wer gewinnt, darf sich in eine tolle Siegerriege einreihen - sie reicht von "Unsere Mütter, unsere Väter" bis hin zu "Deutschland 83". Wir erinnern uns... » Mehr zum Thema
International Emmy Awards © IAoTVAaS
NRW besonders zahlreich vertreten

Deutsche Delegation reist zu den International Emmys

Daumen drücken und Kontakte pflegen: Die deutsche Delegation, die zu den International Emmy Awards und dem dazugehörigen Festival nach New York reist, wird immer größer und prominenter. » Mehr zum Thema
Beat © Amazon
Zwei deutsche Hoffnungsträger

iEmmys: "Bad Banks" und Niewöhner sind nominiert

Wie schon 2018 gibt es auch in diesem Jahr bei den International Emmy Awards zwei Nominierungen für Deutschland. Neben "Beat"-Darsteller Jannis Niewöhner kann "Bad Banks" auf eine Auszeichnung in der Königskategorie hoffen. » Mehr zum Thema
Lisa Blumenberg, Christian Schwochow © SHFP
Blumenberg und Schwochow über "Bad Banks"

"Es geht nicht mehr darum, einfache 08/15-Helden zu zeigen"

Für Arte und das ZDF haben Lisa Blumenberg und Christian Schwochow eine Serie über die Bankenwelt gemacht. Im DWDL.de-Interview sprechen die Produzentin und der Regisseur über die Recherchearbeit, das Ansehen von Bankern und den Stellenwert von Serien. » Mehr zum Thema

DWDL_Live @ Instagram