INTV 2018 © DWDL
Israelische Serien auf dem Vormarsch

Von Euphorie bis Atomangst: Mehr "Homeland" ist das Ziel

 

US-Senderchefs von Fox und HBO haben auf der INTV in Jerusalem Remakes israelischer Serien angekündigt. In Deutschland arbeitet die Keshet-Tochter Tresor TV an Adaptionen. Ein 55-Millionen-Dollar-Fonds soll neue Entwicklungen beschleunigen.

von Torsten Zarges , Jerusalem
14.03.2018 - 08:40 Uhr

Dass es in Israel mitunter dramatischer zugeht als anderswo, ließ sich während der INTV 2018 – kurz für "Innovative TV Conference" – nicht verleugnen. Wiederholt wurden die internationalen Gäste gebeten, mögliche Sirenenalarme in Jerusalem nicht allzu ernst zu nehmen, da es sich nur um Routinetests, nicht um echte Luftangriffe handele. Den kurzfristig ausgefallenen Mark Gordon, Chief Content Officer von Entertainment One und Produzent von Serien wie "Designated Survivor" oder "Grey's Anatomy", entschuldigte der Moderator mit den Worten, er habe sich auf dem Weg zum Flughafen ein Bein gebrochen. "Das ist israelisches Storytelling", korrigierte eOne-CEO Darren Throop. "Mark ist zu Hause beim Kofferpacken ausgerutscht und hat sich den Meniskus gerissen."

Auch ohne Gordon hatte der israelische TV-Konzern Keshet ein hochkarätiges Line-up in exklusiver Atmosphäre versammelt. Hollywood-Größen wie die Bosse von Fox, HBO, Showtime oder Turner Entertainment gaben sich auf der Bühne des Jerusalemer YMCA zwei Tage lang die Klinke in die Hand. Die jährliche Konferenz demonstriert unmissverständlich, wie geschickt Keshet-CEO Avi Nir sein globales Netzwerk gestrickt hat und wie begehrt TV-Formate aus Israel sind. Waren es früher vor allem Show- und Reality-Exporte wie "Rising Star" oder "Deal With It", stehen inzwischen Serien im Vordergrund. Die Remake-Erfolge von "In Treatment" oder der "Homeland"-Vorlage "Prisoners of War" sprechen für sich.

Angesichts der auch im Nahen Osten wachsenden Video-on-Demand-Konkurrenz haben die drei großen israelischen Privatsender Keshet, Reshet und Channel 10 ihre Entwicklungsschwerpunkte vom Nonfiktionalen in Richtung Fiction verlagert. Für Netflix sind derzeit zwei lokale Serien in der Mache. Hinzu kommt die 2014 gegründete Israeli Public Broadcasting Corporation, die als junger staatlicher Sender ebenfalls verstärkt auf Serien setzt. Die Budgetzwänge in einem vergleichsweise kleinen Markt mit nur acht Millionen Einwohnern sorgen von vornherein für eine ausgeprägte internationale Orientierung als wichtigem Finanzierungsbaustein. "Was die Israelis wie wenige andere beherrschen, sind High-Concept-Geschichten von hoher politischer und gesellschaftlicher Relevanz, die sich aus der Widersprüchlichkeit ihrer Charaktere speisen", lobt Eleonora Andreatta, Direktorin der italienischen Rai Fiction, die künftig gern mit den Mittelmeeranrainern von der anderen Seite koproduzieren würde.

Andere INTV-Gäste sind da schon einen Schritt weiter. HBO-Programmchef Casey Bloys hat gerade eine Koproduktion mit Keshet vereinbart. Worum es dabei inhaltlich geht, wollen die Partner freilich noch nicht verraten. Dafür ist das geplante US-Remake der israelischen Serie "Euphoria" spruchreif, für das HBO wenige Tage vor der Konferenz einen Pilotauftrag erteilt hatte. Als "Kids" meets "Trainspotting" beschrieb Drama-Chefin Francesca Orsi den Stoff in Jerusalem. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe von Jugendlichen, die in einer Welt ohne Eltern mit Drogen, Gewalt und ihrer unsicheren Zukunft klarkommen muss. Sam Levinson ("Wizard of Lies") adaptiert das 2012 ausgestrahlte Original von Ron Leshem, Daphna Levin und Tmira Yardeni. Gary Newman wiederum, Chairman und CEO des US-Networks Fox, berichtete von den Dreharbeiten zum Sitcom-Piloten "Our People", die in diesen Tagen beginnen. Die Culture-Clash-Story um einen Äthiopier und seine Verlobte aus dem Mittleren Westen stammt im Original von Endemol Shine Israel und wird von "Empire"-Macher Lee Daniels adaptiert.

Geht es nach dem Keshet-Statthalter in München, Axel Kühn, sollen die Beispiele bald auch im deutschen Markt Schule machen. Der Geschäftsführer der 2017 von Keshet International übernommenen Produktionsfirma Tresor TV war mit einem Teil seiner Führungsmannschaft zur INTV angereist. Kühn ist gerade dabei, mehrere Adaptionen von Serien aus dem Katalog der Mutterfirma zu entwickeln und deutschen Senderverantwortlichen schmackhaft zu machen. Darunter auch die preisgekrönte Spionage-Serie "False Flag" von Maria Feldman und Amit Cohen, deren Originalversion vom 28. Mai an als Deutschland-Premiere bei Fox zu sehen ist (DWDL.de berichtete).

"Da wir im Nahen Osten leben, könnte das Ende der Welt für uns ein bisschen früher kommen"

Yoram Mokady, Vice President Content, Hot

 

Für ebenso spannenden wie anspruchsvollen Nachschub ist bereits gesorgt: Am Rande der Konferenz feierte die von Keshet produzierte Serie "Autonomies" der beiden Autoren Ori Elon und Yehonatan Indursky Premiere, die in Kürze beim Kabelanbieter Hot laufen wird. Der erste dystopische Serienstoff im israelischen TV entwirft das Szenario eines geteilten Landes: Die ultraorthodoxen Juden haben sich in einem Autonomiegebiet hinter Mauern vom säkularen Staat losgesagt. Vor diesem Hintergrund entbrennt zwischen zwei Familien der Sorgerechtsstreit um ein bei der Geburt vertauschtes Mädchen.

"Da wir im Nahen Osten leben, könnte das Ende der Welt für uns ein bisschen früher kommen", scherzte Yoram Mokady, Content-Chef von Hot. "Die beiden größten Ängste hierzulande sind, entweder von Militarismus und Glaubensstaat überrollt oder von einem Atomschlag ausgelöscht zu werden." Beides werde die derzeit in Entwicklung befindliche Hot-Serie "The Third" thematisieren: Nach einem atomaren Angriff übernimmt darin ein junger Führer die Herrschaft eines Landesteils nach streng religiösen Gesetzen.

Ob düstere Zukunftsvision oder hintergründige Dramedy: Damit Serien made in Israel schneller wachsen und manche Budgetknappheit umschiffen können, hat Keshet International gemeinsam mit vier Finanzinvestoren einen 55 Millionen US-Dollar schweren Fonds für High-End-Drama aufgelegt. "Wir registrieren vermehrte Nachfrage nach unseren hochwertigen Serien aus allen internationalen Kernmärkten", so Keshet-International-CEO Alon Shtruzman. "Deshalb wollen wir diese Produktionen in so viele Länder wie möglich bringen." Das Kapital dazu wird von Altshuler-Shaham, Phoenix Insurance, Arxcis Global Wealth Management und Halman Aldubi Investment House aufgebracht. Keshet International besorgt den Weltvertrieb der vom Fonds finanzierten Projekte.

Ebenfalls während der INTV wurde bekannt, dass Keshet International mit einer Mehrheitsbeteiligung beim britischen Investor und Produktionsfirmen-Inkubator Greenbird Media von Ex-Shine-TV-Chef Jamie Munro eingestiegen ist. Die Israelis lösen dort den Gründungspartner BBC Worldwide ab und vergrößern ihren Vertriebskatalog um die Formate der von Greenbird unterstützten Firmen, darunter Frank Spotnitz' Serienschmiede Big Light Productions ("The Man in the High Castle") oder das Entertainment-Label Tuesday's Child ("Lego Masters") der früheren Shine-Chefin Karen Smith. Dass Keshet zu den treibenden Kräften der Konsolidierung im Produktionssektor gehören will, ist nicht mehr zu übersehen.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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