Das Realityshow-Genre boomt – und ein Ende ist nicht in Sicht. Das oft gleichermaßen aufmerksamkeitsheischende wie paarungswillige TV-Personal wird seit Jahren in einem derart atemberaubenden Tempo durch die verschiedenen Shows geschleust, dass man als Zuschauer schnell den Überblick zu verlieren droht. Wer gerade noch im "Sommerhaus der Stars" erfolgreich den Aufstieg zum Promi-Paar des Jahres meisterte, kann sich schon kurze Zeit später bei "Prominent getrennt" wiederfinden. Und wenn's blöd läuft, muss das Publikum mit mehreren Zeitebenen klarkommen, so wie im vorigen Jahr, als Katzenberger-Mama Iris Klein gleichzeitig bei "Promis unter Palmen" und der "CoupleChallenge" mitwirkte.

Um den ganzen Realityshow-Zirkus in all seiner Komplexität zu durchdringen, sollten Universitäten also vielleicht darüber nachdenken, in Zukunft einen entsprechenden Studiengang anzubieten. Immerhin: Für angehende Realitysternchen gibt’s diesen schon jetzt: Weil nämlich Sender und Streamer allmählich Gefahr laufen, sämtliche Kandidaten-Konstellationen durchgespielt zu haben, sucht sich Joyn jetzt kurzerhand den Nachwuchs selbst und hat dafür, natürlich, gleich eine neue Realityshow entwickelt.

Kein Witz: In der nun angelaufenen "Realitystar Academy" durchlaufen 18 weitgehend unbekannte Kandidatinnen und Kandidaten unter den strengen Augen von Reality-Queen Désirée Nick ein Studium, "auf das die Welt gewartet hat" (O-Ton Joyn). Von der "Kaderschmiede für die Stars von morgen" ist die Rede und La Nick lässt ihre "zuckersüßen Zöglinge" mit dem ihr eigenen strengem Ton direkt wissen: "Wer nichts zu bieten hat, hat hier nichts zu suchen."

Dass dabei nicht zwangsläufig eine gute Schulbildung gemeint ist, macht sodann ihr Assistent Gigi klar - und verliest ein ebenso kurzes wie prägnantes Regelwerk, das stellenweise wie der Versuch klingt, die biblischen Zehn Gebote der heutigen Fernsehwelt anzupassen: "Du sollst nicht langweilen", heißt es da beispielsweise. Oder: "Sei unique und authentisch." Und: "Mach dich zum Main Character".

Die Realitystar Academy © Joyn / Marc Rehbeck Reality-erfahrenes Personal: Gigi Birofio und Désirée Nick.

Die Aufgabenstellung für die Reality-Anwärter ist also klar, und zumindest einige von ihnen scheinen ihre Rolle noch vor der ersten "Vorlesung" verinnerlicht zu haben. Selbstbewusst sagt eine Kandidatin: "Ich werde der neue fucking Realitystar, weil ich eine fucking Bad Bitch bin! Deutschland hat auf mich gewartet!" Eine andere wiederum attestiert sich selbst ein "Riesenaufmerksamkeitsproblem", während eine Dritte einräumt, "nicht die Intelligenteste" zu sein. Ihr Fazit: "Mein Mund war schon immer schneller als mein Kopf." Realitywelt, was willst du mehr?

Die Macher des neuen Joyn-Formats, produziert von Madame Zheng, sind erkennbar darum bemüht, die Storyline mit einer humorvollen Ebene zu versehen, auch wenn es ausgerechnet Direktorin Nick ist, die bisweilen etwas über die Strenge schlägt. "Ich habe in meinem Leben mehr Make-up benutzt als eine Nutte in Las Vegas", sagt sie und setzt damit den Ton. Natürlich dauert es nicht lange, bis es auch in der Joyn-"Academy" zu den ersten Streitigkeiten kommt – Bodyshaming inklusive. Und das anschließende Abendessen versprüht bereits Dschungelvibes, weil Fischaugen, geröstete Heuschrecken und Hühnerherzen auf dem Speiseplan stehen. Wie praktisch, dass die Kotztüten schon bereitliegen.

Trotz des neuen Settings fühlt sich die Show also durchaus vertraut an und man muss nicht, wie Teilnehmer Florian, hauptberuflicher TV-Hellseher sein, um zu erahnen, dass die "Realitystar Academy" zumindest für einen Teil des Casts tatsächlich das Zeug dazu hat, als Sprungbrett all die Formate dieser teils absurden Parallelwelt des Fernsehens zu dienen, die sich an diesem Donnerstagabend erneut in voller Blüte bei den "Reality-Awards" entfaltet. Und wer Nicks Prüfungen am besten meistert, hat zumindest schon mal das Ticket für die nächste Staffel von "Forsthaus Rampensau Germany" sicher.

Ebenso wie schon das "Sommerhaus der Normalos" von RTL+ legt nun auch die "Realitystar Academy" den Selbsterhaltungstrieb eines Genres frei, das längst so groß geworden ist, dass es dringend auf neue Gesichter angewiesen ist. Für so manchen scheint die Reality-Karriere ohnehin ein gern gesehener Ausweg aus einer trostlosen Zukunft zu sein. Oder wie es der bereits äußerst Reality-erfahrene Gigi auf den Punkt bringt: "Wir wollen alle nicht arbeiten gehen." Passend dazu hat Joyn auch die Titelmusik für seine "Realitystar Academy" ausgewählt: "I don't wanna go to school. I just wanna break the rules."

"Die Realitystar Academy", ab sofort bei Joyn und donnerstags um 22:40 Uhr bei ProSieben