Österreich ist anders. Das wurde erst vor wenigen Wochen wieder sehr deutlich, als im ORF ein neuer Generaldirektor gewählt wurde. Nach einer 15-stündigen Marathonsitzung hatte der Stiftungsrat entschieden und Clemens Pig zum neuen Chef des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gewählt (DWDL.de berichtete). Und nicht nur einige Beobachterinnen und Beobachter hatten danach das Gefühl, Teil einer groß angelegten Show gewesen zu sein - vereinzelt kamen solche Aussagen auch aus dem Gremium selbst. 

Die Stiftungsratsspitze um den Vorsitzenden Heinz Lederer führte stets das neue EU-Medienfreiheitsgesetz ins Feld, nach dem man handele. Und doch war das Ergebnis am Ende genau so, wie man das erwarten konnte, weil vorab schon durchgesickert war, dass sich die Fraktionen von ÖVP und SPÖ im Stiftungsrat auf Clemens Pig geeinigt haben. Wochen vor der Wahl gab es vor allem aus der ÖVP wohlwollende Töne in Richtung Pig, der jetzt dem Anschein entgegentreten muss, ein Kandidat der Regierung zu sein. 

Verantwortlich für die Wahl-Farce war Lederer, der dem Stiftungsrat nicht nur vorsitzt. Er ist gleichzeitig auch Vorsitzender des SPÖ-Freundeskreises im Gremium. Und ja, auch das ist Österreich: Ein Großteil des 35-köpfigen Stiftungsrates kann politischen Parteien zugeordnet werden, die Mitglieder der Freundeskreise treffen sich vor wichtigen Terminen, um sich abzustimmen. Formal gelten alle Mitglieder des Gremiums als unabhängig, in Wahrheit sind sie es nicht. Zumindest nicht zu 100 Prozent. Seit Jahren wird eine Entpolitisierung des Stiftungsrats gefordert. Nur: Sie wird nicht kommen. Die Politik wird sich nicht selbst die Macht im obersten ORF-Aufsichtsgremium nehmen. 

Blickt man auf die zurückliegenden Wochen, war die Wahl des neuen Generaldirektors auf der Skala der unendlichen ORF-Absurditäten nur die Spitze des Eisberges. Die Wahl war vorgezogen worden, weil der amtierende ORF-Chef Roland Weißmann im Frühjahr überraschend zurücktrat. Und da fangen auch die Entscheidungen von Heinz Lederer an, die nicht nachzuvollziehen sind und die zu Rücktrittsforderungen mehrerer Seiten geführt haben. 

Doch der Reihe nach: Als Weißmann zurückgetreten ist, verschickte der ORF im Namen des Stiftungsrates eine Pressemitteilung. Darin war von Vorwürfen der sexuellen Belästigung gegen den ORF-Generaldirektor die Rede. Es waren Vorwürfe, die Weißmann bis heute zurückweist. Später ergab eine ORF-interne Untersuchung, dass dieser Vorwurf "im rechtlichen Sinn" nicht zu halten ist. Das Unternehmen will sich dennoch von Weißmann trennen. Eine juristische Auseinandersetzung läuft. 

Drehbuch nicht eingehalten

Die Formulierung in der Pressemitteilung hat der ganzen Debatte von Beginn an eine gewisse Schlagseite gegeben - und den ORF in den folgenden Wochen in die tiefste Krise seit Bestehen geführt. Lederer betonte zwar immer wieder, dass Weißmann freiwillig zurückgetreten sei. Der geschasste Generaldirektor machte aber ziemlich schnell klar, dass er zum Abgang gedrängt worden sei. 

Mittlerweile sind Chats und Nachrichten von Weißmann an eine ORF-Mitarbeiterin öffentlich gemacht worden, bei denen jeder selbst entscheiden kann, wie unangemessen sie sind. Aber eins ist auch klar: Heinz Lederer hat die normale Vorgehensweise, die in solchen Fällen greift, eklatant missachtet. Normalerweise erfolgt bei Vorwürfen dieser Art eine Freistellung des betroffenen Mitarbeiters, eine unabhängige Untersuchung und bei Vorlage der Ergebnisse dieser Untersuchung eine mögliche Kündigung oder andere Maßnahmen. Auch WBD-Manager Gerhard Zeiler, der in Österreich in vielen Mediendebatten allgegenwärtig scheint, erklärte, das rechtliche Drehbuch sei in diesem Fall nicht eingehalten worden. Mit dieser Sichtweise blieb er nicht alleine. 

In der weiteren Folge musste sich Lederer auch wegen seiner vermeintlichen Doppelrolle erklären: Er ist zwar Mitglied im Stiftungsrat und sogar dessen Vorsitzender. Im Hauptberuf betreibt er jedoch eine PR- und Beratungsagentur. Das Nachrichtenmagazin "Profil" berichtete, dass Lederer auch für Unternehmen arbeitete, die in der Vergangenheit Geschäfte mit dem ORF gemacht haben. Hier geht es ganz konkret um mögliche Interessenskonflikte. Lederer soll "Profil"-Chefredakteurin Anna Thalhammer auch mit Konsequenzen für sie im ORF gedroht haben, ihm gefiel offenbar ihre Berichterstattung im Magazin nicht. 

ORF-Journalisten proben den Aufstand

Mit den angedrohten Konsequenzen sind wohl Einladungen in ORF-Sendungen gemeint, auf die Lederer aber keinen Einfluss hat. Das ist selbst für österreichische Verhältnisse ein einmaliger Vorgang, den man so nicht tolerieren kann. Und Lederer bekam auch viel Gegenwind: "Vorzugeben, als Stiftungsrat hätte man Einfluss auf die Arbeit der Redaktionen im ORF ist unvereinbar mit dieser Funktion", hieß es etwa vom ORF-Redaktionsrat, der Lederer und seinem Vize Gregor Schütze das Misstrauen aussprach. Dieser Vorgang hat zwar keine rechtlichen Konsequenzen - ist aber in dieser Form ebenfalls einmalig. Die Journalistinnen und Journalisten des ORF sprachen sich öffentlich gegen die Spitze des ORF-Aufsichtsgremiums aus. Und sie haben auch detailliert aufgeschrieben, weshalb sie Lederer und Schütze für ungeeignet halten

Ein internes Misstrauensvotum - und das öffentlich artikuliert. Das muss man auch erst einmal schaffen, wenn man den Stiftungsrat führt. 

Auch aus der Politik bekam der Vorsitzende des Stiftungsrats ordentlich Gegenwind - und nicht nur von der FPÖ, die für ihre populistischen Töne bekannt ist. Henrike Brandstötter, Mediensprecherin der Neos, immerhin Regierungspartei im Bund, erklärte, dass sie sowohl von Lederer als auch von Schütze den Rücktritt nach der ORF-Generalswahl erwartet. Sie ortete "Interessenskonflikte" und sprach von "unprofessionelles Vorgehen", das zur "tiefen Krise des ORF beigetragen" habe. Und auch der mächtige SPÖ-Landeshauptmann (Vergleichbar mit einem Ministerpräsidenten) Hans Peter Doskozil forderte den Rücktritt des Führungsduos im Stiftungsrat. Lederer müsse ebenso wie sein Stellvertreter "und einige andere auch, die als politische Hypotheken den nötigen Neustart erschweren", zurücktreten, so Doskozil.

Und Lederer? Der denkt überhaupt nicht daran zurückzutreten. Bedenken bezüglich möglicher Interessenskonflikte weist er kategorisch zurück. Dabei ist es in seinem Fall schon der Anschein von potenziellen Konflikten, die die Sache brisant machen. Hinzu kommt das wilde Krisenmanagement. Rechtsanwalt Markus Boesch, der für die Neos im Stiftungsrat sitzt, sprach zuletzt über die Jahrzehnte gewachsene "parteipolitische Vereinnahmung" des ORF, was für ihn strukturelle Korruption sei. Gegenüber dem "Standard" wies Lederer diese Aussage nun als "schändlich" zurück. Und Lederer plädierte auch für eine "Abrüstung der Worte”. 

"Die Tage von Joyn sind gezählt"

Und damit sind wir im Hier und Jetzt angekommen. Denn während Heinz Lederer einerseits eine Abrüstung der Worte einfordert, rüstet er selbst an anderer Stelle auf. Gegenüber dem "Standard" schießt der Vorsitzende des Stiftungsrats nämlich auch scharf - und das überraschenderweise gegen ProSiebenSat.1Puls4 bzw. Joyn. So ist es nun Lederer, der fordert, dass der ORF eine gemeinsame Streamingplattform in Zusammenarbeit mit privaten Medien auf die Beine stellen soll - und das möglichst schnell. 

Ein kurzer Exkurs in den österreichischen Medienmarkt: Joyn ist in Österreich seit 2023 am Markt und - anders als in Deutschland - im Land tatsächlich eine Art Superstreamer. Auf der Plattform gibt es nicht nur die Livestreams von allen wichtigen TV-Sendern des Landes, sondern auch ihre On-Demand-Inhalte - also auch von ORF oder ServusTV (Wobei die Salzburger zuletzt ihre Sport-Übertragungen weitgehend von Joyn abgezogen haben). Die RTL-Sender machen bei Joyn zwar auch in Österreich nicht mit, spielen in dem Land aber auch nicht die Rolle, die sie in Deutschland spielen. 

Heinz Lederer fordert nun also einen "Österreich-Player" unter der Führung des ORF. Und er weiß auch gleich, was das für Joyn bedeutet: "Die Tage von Joyn sind gezählt", sagt er. Und: "Joyn ist Geschichte." Mal abgesehen davon, dass es nicht an Heinz Lederer ist, eine solche Plattform aufzubauen (und es auch völlig unklar ist, ob der ORF das tatsächlich macht), scheint es, als habe der Vorsitzende des Stiftungsrats die Debatten der vergangenen Jahre nicht mitbekommen.

Kooperationen? Nicht mit Heinz Lederer!

Seit mindestens zehn Jahren wird in Österreich propagiert, dass die wahren Feinde der Medienbranche nicht im Inland sitzen, sondern in Übersee. Mühsam haben sich Kooperationen aller Art Bahn gebrochen, die früher noch undenkbar schienen. Eine davon ist Joyn. Eine Plattform, auf der die Zuschauerinnen und Zuschauer nahezu alle wichtigen Bewegtbildinhalte von österreichischen TV-Sendern sehen können. Finanziert wurde die Plattform privatwirtschaftlich. Es gibt den Österreich-Player schon, nur nicht unter ORF-Führung. 

Wenn Heinz Lederer nun also eine Art ORF On für die gesamte österreichische Medienlandschaft will, kann er den Menschen im Land erst einmal erklären, wie viel das kosten wird. Und wieso er dafür Beitragsgelder nutzen will, wenn es eine solche Plattform längst gibt, die auch für den ORF viele Vorteile hat. Und selbst wenn der ORF ein solches Projekt angeht, heißt das noch lange nicht, dass die Tage von Joyn gezählt sind. Man kann nur staunen über diese schier unendliche Ignoranz. 

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Heinz Lederer in seiner Funktion als ORF-Stiftungsratsvorsitzender in Richtung Joyn keilt. Schon im Sommer 2025 stellte er die weitere Kooperation mit dem Streamer infrage. Einige Monate später erklärte er mit Verweis auf die neuen ProSiebenSat.1Puls4-Eigentümer aus Italien: "Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Es gibt eine vollkommen neue Führungsmannschaft. Man muss sich anschauen, welche Interessenslagen es dort gibt." Lederer wünschte sich damals auch eine für den ORF "ökonomisch sinnvolle Basis" für ORF-Inhalte auf Joyn.

Laut Lederer würden dem ORF Werbeeinnahmen dadurch entgehen, dass man die eigenen Inhalte auf Joyn stellt. Das ist eine einigermaßen originelle Kritik: Der ORF profitiert einerseits von der Reichweite, die man über Joyn erzielt - und kann diese selbst in den klassischen TV-Werbeblöcken vermarkten. Andererseits könnte man mit ProSiebenSat.1 ohne Weiteres auch eine Vermarktungspartnerschaft für die ORF-Inhalte auf Joyn schließen. Das hat man bislang nur nicht gemacht. Mit anderen Sendern hat ProSiebenSat.1Puls4 sehr wohl eine solche Vermarktungsvereinbarung geschlossen. 

Heinz Lederer ist Teil des Problems

Bei der privaten Sendergruppe dürfte man sich angesichts der neuen Attacken von Heinz Lederer verwundert die Augen reiben, äußern will man sich auf Anfrage dazu nicht. Vermutlich ist das eine vernünftige Entscheidung: Don’t feed the trolls. Es ist eine ziemlich durchsichtige Nebelkerze, die Lederer da gezündet hat. Der öffentlichkeitswirksame Abgesang auf Joyn ist ein plumpes Ablenkungsmanöver, das von den eigenen Fehler der vergangenen Monate ablenken soll. Nur gibt es davon mittlerweile so viele, dass man darüber kaum mehr hinwegsehen kann. 

Der ORF habe "die schwierigste Zeit seiner Geschichte" hinter sich, sagte Heinz Lederer am Dienstag gegenüber dem "Standard". Bei der Aufarbeitung der Causa Roland Weißmann habe er "das Wohl und Wehe des ORF im Auge" behalten wollen, so der Vorsitzende des Stiftungsrates. Das kann man ihm sogar glauben. Man muss aber auch feststellen: Es ist ihm nicht sonderlich gut gelungen. Der ORF befindet sich auch wegen des unzureichenden Krisenmanagements von Heinz Lederer in der größten Krise seiner Geschichte. 

Heinz Lederer ist Teil des Problems. Das ist nach den vergangenen Wochen und Monaten allzu offensichtlich. Dass er trotz der für Österreich-Verhältnisse großen Kritik an seinem Sessel klebt und alles an ihm abperlt, passt aber irgendwie auf tragische Art und Weise. Denn auch das ist Österreich wie es leibt und lebt.