Kiss Me First © Netflix
DWDL.de-Serienkritik

"Kiss Me First": Netflix meets "Ready Player One"?

 

Wenn der Schmerz im echten Leben zu groß wird, wirkt die virtuelle Welt wie der perfekte Rückzugsort. Dieser Gedankengang wird nun auch in "Kiss Me First" beleuchtet, eine Netflix-Serie, die kaum ein gutes Haar an dem Thema lässt. Die Serienkritik...

von Kevin Hennings
29.06.2018 - 16:22 Uhr

Als Steven Spielberg verkündete, dass er Ernest Clines Sci-Fi-Roman "Ready Player One" ins Kino bringen möchte, war vor allem die Gaming-Branche aus dem Häuschen. Die Handlung des Bestsellers von 2012 spielt im Jahr 2045 und stellt eine Welt dar, in der sich die Menschen in eine virtuelle Spielewelt flüchten, um den alltäglichen Sorgen zu entkommen. Sowohl Fans als auch Kritiker konnten Spielbergs Interpretation einiges abgewinnen, warf sie nicht doch nur philosophische Gedanken auf, sondern präsentierte gleichzeitig feinste Nostalgie. Mit weniger Nostalgie, dafür aber deutlich mehr Philosophie und gleichermaßen Virtual Reality schickt Netflix in Kooperation mit E4 nun "Kiss Me First" ins Rennen.

Die britisch-amerikanische Cyber-Serie beschäftigt sich im Grunde mit der gleichen Ausgangssituation wie der Anfang dieses Jahres erschienene Kinofilm "Ready Player One". Leila (Tallulah Haddon, stach bereits bei Tom Hardys "Taboo" heraus) hat gerade ihre Mutter verloren und steht plötzlich alleine im Leben. Der einzige Mensch, den sie sonst regelmäßig gesehen hat, war die Pflegerin der schwerkranken Mutter. Nachdem diese sich aber mit einem halbherzigen "Mach‘s gut" verabschiedete, wird Leila einmal mehr bewusst, dass sie gar keine Freunde hat. Abgesehen von den Bekanntschaften, die sie in Azana pflegt.

Azana ist das, was Oasis für "Ready Player One" darstellt. Eine virtuelle Welt, in der Menschen ihren Avatar so gestalten können, wie sie es wollen; wo sie tun können, was sie wollen. Damit stellt sich das farbenfrohe Azana als Ort heraus, an dem triste Sorgen vergessen werden können. Hier lernt Leila eine gewisse Tess (Simona Brown, "The Night Manager") kennen. Sie nähern sich nicht nur im Spiel an, sondern auch im echten Leben. Doch als Tess plötzlich verschwindet und Leila in ihren Rollenspiel-Charakter schlüpft, um herauszufinden, warum, geht "Kiss Me First" weg von dem kleinen Mädchen, dass ihre Mutter verloren hat, hin zum Thriller, der Leilas eigenes Leben kosten kann und dabei allerhand Fragen über das Leben aufwirft. 

Jeder. der die gleichnamige Buchvorlage von Lotti Moggach gelesen hat, dürfte sich bei dieser Adaption erst einmal verwundert die Augen reiben. In dem 2013 erschienenen Roman gibt es nämlich kein Azana. Leila und Tess lernen sich über das Internet und Social Media kennen. Channel 4 und Netflix wollten aber weiter in die Zukunft gehen und arbeiteten mit Showrunner Bryan Elsley eine Version aus, die mehr Science-Fiction parat hält. Neuland für den Mitschöpfer von "Skins".

Doch der Grundton bleibt genau der, den Elsley neben “Skins” auch in seinen Serien “Dates” und "Clique" inszeniert hat. Er schnappt sich scheinbar gebrochene Figuren, zoomt in ihre innersten Gefühle und versucht dem Zuschauer so klar zu machen, dass er, wenn er genau hinschaut, auch etwas von sich selbst erkennen kann. Herauskommt im besten Fall eine Selbstreflexion, aus der jeder für sich etwas mitnehmen kann. Wie in "Skins" ist das auch bei "Kiss Me First" ein löblicher Ansatz. Doch wird dieser gerne mal etwas zu weit getrieben, wodurch der Unterhaltungsfaktor an Kraft verliert.

Denn ein zweites "Ready Player One" ist "Kiss Me First" bei Weitem nicht. Der positive und actionreiche Vibe, den Spielberg dann doch weitestgehend einfließen lassen konnte, fehlt hier gefühlt komplett. Leilas Geschichte saugt vor allem die Glückseligkeit aus dem Zuschauer, die er davor möglicherweise noch hatte. Dafür sorgt nicht nur die Charakterauswahl, die nur aus perspektivlosen und unangenehm geheimnisvollen Figuren bestehen zu scheint, sondern auch die kahle Fassade, die irgendwo im dafür typischen Großbritannien gefilmt wurde. Elsley hatte auch nie die Ambition, etwas wie "Ready Player One" zu kreeiren, weshalb so etwas gar nicht erst erwartet werden darf. 

Als gemütliche Ausklangserie für den Sonntag eignet sich "Kiss Me First" also nur bedingt. Doch das ist ein negativ ausgerichteter Blick gen technischer Zukunft auch selten. Die Netflix-Produktion beschönigt nichts, was Menschen mit dem Internet und dem möglicherweise eintretenden Standard der Virtual Reality anstellen können. Vielmehr wird jede einzelne Gefahr aufgezeigt, in die vor allem Jugendliche geraten werden. Damit erfüllt der Streamingdienst in Kooperation mit dem britischen Fernsehsender einen ordentlichen Bildungsjob. Die Unterhaltung kommt dann eben mal zu kurz. Dass es möglich ist, eine  gewisse Balance in diesem Genre zu halten, wurde in der Vergangenheit jedoch schon unter Beweis gestellt. Beispielsweise im Klassiker “Matrix”, der gezeigt hat, was passiert, wenn man sich der virtuellen Welt komplett hingibt.

Doch auch wenn "Kiss Me First" nicht sofort zu jenem Ikonen-Status aufsteigen wird, den "Matrix" seit seiner Premiere 1999 hat, wurden die Weichen in die richtige Richtung gestellt. Mit ihrer durchdachten und düsteren Art ist die Geschichte um Leila etwas für den Philosophiestammtisch, der Gott sei Dank nicht so negativ ausfallen muss, wie die von Moggach und Elsley angestoßenen Zukunftsgedanken.

Die erste sechsteilige Staffel von "Kiss Me First" steht ab sofort bei Netflix zum Streaming bereit.

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