Greyzone © ZDFneo
DWDL.de-Serienkritik

"Greyzone" hebt Scandi Noir auf das nächste Level

 

Im vergangenen Jahr wurde mit "Countdown Copenhagen" die erste internationale Koproduktion von ZDFneo ausgestrahlt. Nun folgt mit "Greyzone" die nächste Scandi-Produktion, bei der der Nischensender mitmischt. Die kann sich sehen lassen

von Kevin Hennings
13.09.2018 - 19:00 Uhr

Bei manchen Menschen verhält es sich so, dass sie sich bestimmten Dingen verschließen, wenn sie gehyped werden. Das kann soweit gehen, dass ein Backpacker beispielsweise bloß deshalb nicht nach Australien reisen möchte, weil dort ja schon ganz viele andere vor ihm waren. Man kann dieses Phänomen aber auch regelmäßig beobachten, wenn es um die Frage geht, welche Serie man denn schauen sollte. Es gibt diesen einen Freund, der einfach nicht auf den Ratschlag hören möchte, doch endlich mal in einen skandinavischen Thriller reinzuschauen, schon allein deswegen, weil sie so allgegenwärtig sind.

Ja, es kann nerven: Skandinavische Produktionen sind super, das ist jedenfalls der allgemeine Konsens. Und tatsächlich bestätigen das viele Scandi-Noir-Serien ja auch. Ob "Die Brücke", "Modus", "Komissarin Lund" oder auch "Borgen". Alles ausnahmslos Serien, die zu empfehlen sind. Sollten Sie jedoch dieser eine Freund sein, der sich der mehrheitlichen Meinung gerne entzieht: Lassen Sie es wenigstens in diesem Fall und schauen Sie sich die neue Scandi-Serie "Greyzone – No way out" an, die am Donnerstagabend bei ZDFneo startet.

"Greyzone" kann nämlich als einer der besten Vertreter des Genres gesehen werden. Nicht, weil die Serie nun zwingend besser einzustufen ist als "Borgen" und Co., sondern weil die dänisch-schwedische Ko-Produktion, bei der auch ZDFneo investiert hat, international noch besser funktioniert. Während viele Scandi-Geschichten strikt innerhalb der eigenen Landesgrenzen erzählt werden, führt "Greyzone" einen globalen Erzählstrang ein, der gleichzeitig als angenehmer Einstieg ins Genre funktioniert.

Söderlund nimmt zwar einmal mehr eine Terrorgruppe in den Fokus, doch das mit einer so frischen Herangehensweise, dass die wenigen Klischees kaum ins Gewicht fallen. Dies war in abgeschwächter Form auch bei "Countdown Copenhagen" der Fall, der ersten dänischen Ko-Produktion von ZDFneo aus dem vergangenen Jahr.

Doch während in "Countdown Copenhagen" eine öffentliche U-Bahn geentert und entführt wird, kommt der Terror in "Greyzone" direkt nach Hause. Besser gesagt in das zu Hause von Victoria Rahbeck (Birgitte Hjort Sørensen, konnte bereits in "Borgen" brillieren). Sie arbeitet als Softwareentwicklerin, die in Frankfurt einen Vortrag darüber gehalten hat, wie ihre Firma Steuerungssysteme für Drohnen baut. Die Zuschauer sind begeistert, darunter auch Iyad Adi Kassar (Ardalan Esmaili), ein ehemaliger Kommilitone von ihr. Er spricht sie nach dem Vortrag an und würde gerne ein Interview mit ihr für eine Fachzeitschrift führen. Da ihr Ex-Mann mit ihrem Sohn in Paris momentan Urlaub macht und sie davon ausgeht, Iyad zu kennen, lädt sie ihn zu sich nach Hause in Kopenhagen ein, da er zufälligerweise in der Stadt sein wird. Das ist die erste Sichtweise, die der Zuschauer zur Verfügung gestellt bekommt.

In der zweiten Perspektive spielt Kommissarin Eva Forsberg (Tova Magnusson) die Protagonistin. Als Teil des schwedischen Nachrichtendienstes SÄPO ist sie Waffenschmugglern auf der Spur, die bei einer Sicherheitskontrolle in Göteborg zwei Sprengköpfe von Flugabwehrraketen verloren haben. Gestohlen wurden sie einst von einer NATO-Basis. Viele Fragen werden aufgeworfen und auch wie die beiden Frauen zusammengeführt werden, erfährt der Zuschauer erst nach einiger Zeit.

Die Besetzung der beiden weiblichen Hauptfiguren ist perfekt: Sørensen und Magnusson rufen ihr A-Level ab und liefern eine glaubwürdige Performance. "Wenn ich in Skandinavien drehe, fühle ich mich willkommen", sagt Sørensen in einem Inteview mit Drama Quarterly. "Als Schauspieler wirst du wirklich stark mit einbezogen. Nicht, was das Drehbuch angeht. Uns wird jedoch aufmerksam zugehört, wenn wir eine Meinung haben." Das, findet Sørensen, sorge am Ende des Tages dafür, dass sich ein Darsteller noch besser auf seine Rolle einstellen kann, da sie gegebenenfalls angepasst wird.

"Greyzone" wirkt so, als ob diese herzliche Art des Arbeitens nicht nur Schauspieler erfahren, sondern auch bei jeder andere im Team. Die Bilder könnten aus dem Kino stammen, der Sound bei den Creative Arts Emmys ins Rennen gehen. Der Schnitt wirkt modern und die Twists wunderbar eingeflochten. "Greyzone" ist nicht nur eine wunderbare Scandi-Serie, sondern gleichzeitig auch der nächste Schritt hin zu internationaler Anerkennung.

ZDFneo zeigt die erste Staffel von "Greyzone" ab heute jeden Donnerstag um 20:15 Uhr in Doppelfolgen. Nach der ersten Ausstrahlung sind auch alle Folgen in der Mediathek zu finden. 


Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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