© ZDF / zero one film
First Look der neuen ZDF-Serie

Serien-Projekt "Die neue Zeit": Sperrig und ohne Kitsch

 

Beim Festival Canneseries hat die ZDF-Serie "Die neue Zeit" ihre Weltpremiere gefeiert. Sie befasst sich mit dem Bauhaus, der berühmten Künstlerschule, die gerade ihr 100-jähriges Jubiläum feiert. Ähnlich künstlerisch kommt auch die Produktion selbst daher.

von Alexander Krei , Cannes
09.04.2019 - 11:00 Uhr

Das Bauhaus zählte zu den berühmtesten Künstlerschulen und befindet sich in Jahr auch deshalb in aller Munde, weil es sein 100-jähriges Gründungsjubiläum feiert. Daraus eine Fernsehserie zu machen, ist ambitioniert, weil trotz der umfangreichen Berichterstattung dieser Tage davon auszugehen ist, dass es nicht wenige gibt, die mit der Bauhaus-Bewegung erst einmal nichts oder zumindest nicht viel verbinden. Umso schöner, dass sich ZDF und Arte dennoch an ein derartiges Projekt gewagt haben.

Sechs Folgen hat der Regisseur und Autor Lars Kraume inszeniert und wer die ersten beiden Folgen gesehen hat, die jetzt im Rahmen des Serien-Festivals Canneseries Premiere feierte, der erkennt schnell, wie viel Liebe zum Detail in der aufwendigen Koproduktion von zero one film, Constantin Television und Nadcon Film steckt. Vor allem aber wird schnell klar, dass "Die neue Zeit" – so der Titel der Serie – für das typisch deutsche Genre der oft leicht verkitschten Vergangenheitsaufbereitung ähnlich disruptiv ist wie es die Bauhaus-Bewegung seinerzeit für die Kunst war.

Wo in historischen Stoffen gerne mal der Schmalz trieft, haben sich die Macher diesmal austoben können. Stellenweise kommt die Serie doch sehr künstlerisch daher, was man angesichts des Themas aber auch erwarten kann. Da wechseln sich Schwarz-Weiß-Szenen mit farbigen Aufnahmen ab und auch längere englischsprachige Szenen werden in Kauf genommen, wenn es der Handlung dient. Und das tut es, denn als Ausgangspunkt der Serie dient das Interview einer Journalistin mit dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius zu einer Zeit, als dieser seinen Lebensmittelpunkt längst nach Massachusetts verlagert hatte.

Schon die erste Frage der Journalistin gleicht einer Einführung in die Bauhaus-Welt, sodass der Zuschauer einen kompakten Eindruck davon bekommt, weshalb es dieser in Berlin geborene Architekt weltweit zu derart großer Bedeutung brachte. Das ist dringend notwendig, weil es eine Zeit lang braucht, um sich in diese spannende und bislang selten verfilmte Epoche mit all ihren Protagonisten von Gropius über den Maler und Kunstpädagogen Johannes Itten bis hin zur Studentin Dörte Helm hineinzuversetzen.

Die Liebesgeschichte zwischen ihr und Gropius zieht sich dann auch wie ein roter Faden durch die weitere Handlung - glücklicherweise nicht im Stile mancher historischer Mehrteiler vergangener Jahre. Gelungen ist das vor allem, weil sich Kraume, der die Drehbücher gemeinsam mit Judith Angerbauer schrieb, sehr nah an den historischen Figuren orientiert. Ebenso gelungen ist die Darstellung der Hauptfiguren: Gespielt wird Walter Gropius von August Diehl, der der Hauptfigur viel Tiefe verleiht, auch Anna Maria Mühe gefällt in der Rolle der Dörte Helm.

Fraglich nur, weshalb die Serie mit Kriegsbildern einsteigt. Notwendig für den weiteren Verlauf der Geschichte ist das nämlich nicht – vielmehr könnte der Beginn falsche Erwartungen beim Publikum erwecken. Generell darf man gespannt sein, wie die Zuschauer ab Herbst reagieren werden, wenn "Die neue Zeit" ihren Weg ins Programm schaffen wird. Mit dieser erstaunlich sperrigen Inszenierung wird das ZDF seine Zuschauer ganz sicher fordern.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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