Keine zwei Wochen mehr, dann gehört Sky Deutschland offiziell zu RTL. Dann kommt es auch zu einer bemerkenswerten Randnotiz, schließlich werden die Fernsehsender der ProSiebenSat.1-Gruppe auch über Sky Stream verbreitet, während RTL es bislang ja demonstrativ ablehnte, mit seinen Kanäle auf dem ProSiebenSat.1-Streamer Joyn vertreten zu sein. Es gibt also Gesprächsbedarf zwischen Köln und Unterföhing – und ganz offensichtlich hat man sich schon mal vorsichtig beschnuppert.
"Wir sprechen jetzt miteinander", sagte Nicole Agudo Berbel, Geschäftsführerin und Chief Distribution & Partnerships Officer bei der Seven.One Entertainment Group, am Mittwoch auf der ANGA COM in Köln. Zugleich machte sie auf dem TV- und Streaming-Summit im Gespräch mit DWDL.de-Chefredakteur Thomas Lückerath deutlich: "Unsere Hand ist ausgestreckt. Ich glaube, es macht Sinn, im Streaming zusammenzuarbeiten." Henning Nieslony, Chief Streaming Officer bei RTL Deutschland, äußerte sich noch zurückhaltender. Man übernehme mit Sky Stream ein Produkt, in dem "ein ganz anderes Versprechen eingelöst wird als das, was wir mit RTL+ bislang im Markt hatten". Das wolle man sich nun erstmal anschauen.
Zugleich machte Nieslony deutlich, dass Sky Stream wichtig sei, "weil es viel Umsatz bringt, weil da viele Kunden drauf sind". Gleichzeitig habe man "Marktteilnehmer und Partner und Kooperationen, die wir wertschätzen", führte der RTL-Manager aus. "In diesem Rahmen entwickeln wir das dann weiter, aber nicht vor dem 1. Juni." Auf Lückeraths Frage, was eher passieren werde – die RTL-Sender auf Joyn zu bringen oder Sky Stream aufzugeben, antwortete Nieslony knapp: "Ich weiß es nicht."
Einigkeit demonstrierten Nicole Agudo Berbel und Henning Nieslony mit Blick auf das Ziel, die Quotenmessung weiterzuentwickeln, schließlich bildet die klassische Quote die tatsächliche TV-Nutzung längst nicht mehr vollständig ab. "Es ist ganz wichtig für uns als Branche, dass wir alle gemeinsam daran arbeiten, einen einheitlichen Messstandard zu haben", sagte Agudo Berbel auf der ANGA COM und bezeichnete dieses Ziel als "sehr vordringliches Thema". Einheitliche Metriken zu haben, sei auch deshalb wichtig, "um dem Werbemarkt hier die Sicherheit zu geben, dass er die Reichweite erzielt, die er braucht, um die Produkte bei uns einzubuchen". Man befinde sich aber "auf einem guten Weg". Auch Nieslony beteuerte die Notwendigkeit – auch, um eine Vergleichbarkeit im Markt herzustellen. "Wenn man nichts zu verstecken hat, hilft Transparenz immer", sagte er. "Ich bin dafür, den Raum maximal auszuleuchten."
Der TV- und Streaminggipfel machte zugleich sehr anschaulich erkennbar, welche unterschiedlichen Strategien die Häuser verfolgen. Sie alle eint, auf den voranschreitenden Wandel der Fernsehnutzung reagieren zu müssen. Tina Rodriguez, die neue CEO ad interim bei Zattoo, verwies noch einmal auf einen gerade veröffentlichten Report ihres Unternehmens, wonach erstmals eine Mehrheit der deutschen TV-Haushalte Fernsehen über das Internet empfange. Es sei "ein klarer Kipppunkt erreicht", sagte sie in Köln. Als eine der zentralen Aufgaben für die Zukunft erachtet Rodriguez das Schaffen von Orientierung vor dem Hintergrund des immer größer werdenden Angebots. Arnim Butzen, TV-Chef der Telekom, sieht das ähnlich. Trotz gezielter Investitionen wie etwa in die bald startende Fußball-WM sieht er seine Plattform MagentaTV weiter vornehmlich als Aggregator. "Wir glauben, dass die übergreifende Suche bei allem Content, der da ist, wichtig ist, um alles im Blick zu haben."
"Wir haben bei YouTube mehr Reichweite als auf den eigenen Plattformen, aber niemand weiß, dass es die ARD ist. Das hilft uns dann nicht."
Tanja Hüther, Head of ARD Distribution Board
Oder wie es Tina Rodriguez formulierte: "Wenn wir frustrierte Kunden haben, dann haben wir als Branche ein Problem. Dann ist YouTube für sie die nächste Anlaufstelle." Die Marktmacht der YouTube-Mutter Google immer wieder Thema des Gipfels. Allen voran Tanja Hüther, Head of ARD Distribution Board, sagte, es gebe über all die Jahre hinweg eine goldene Regel: "Am Ende gewinnt immer Google." So besitze Google inzwischen derart viele Touchpoints zu Kundinnen und Kunden. Da wisse sie nicht, wie sich das noch aufholen lasse. So habe Google alleine fünf Produkte im Markt, die monatlich mehr als 3 Milliarden Nutzerinnen und Nutzer erreichen, von denen der allergrößte Teil eingeloggt sei. W"enn man es übereinanderlegt, kann man mal davon ausgehen, dass nahezu jeder Mensch auf der Welt außerhalb von China einmal im Monat irgendwie mit Google verbunden ist."
Wohin das führen kann, zeigt der Blick nach Großbritannien oder Frankreich, wo BBC und France Télévisions inzwischen vermehrt dazu übergehen, ihre gesamten News- oder Kinderprogramme bei YouTube zugänglich zu machen. Die ARD verfolgt inzwischen eine etwas andere Strategie. "Wir schmeißen uns durchaus auch mal ran. Nicht auf diesen Plattformen zu sein, ist keine Alternative", räumte Hüther ein. YouTube "komplett ausgeliefert" zu sein, könne jedoch nicht die Lösung sei – zumal man auf diese Weise nicht in der Lage sei, den öffentlich-rechtlichen Auftrag zu erfüllen. Dazu kommt, dass es schwer sei, auf YouTube Bindung zu erzeugen. "Meistens wissen die Leute nicht, was sie da gucken", so Hüther. "Wir haben bei YouTube mehr Reichweite als auf den eigenen Plattformen, aber niemand weiß, dass es die ARD ist. Das hilft uns dann nicht."
Daher habe man sich von der einst "superoffensive YouTube-Strategie" verabschiedet, die einst sogar vorsah, ganze "Tatort"-Folgen auf der Google-Plattform zu veröffentlichen. Die Verbreitung von Inhalten, durch die keine Bindung und Zuschreibung entstehe, werde man daher "stark zurückbauen", kündigte die ARD-Managerin an, beteuerte aber gleichzeitig den "sehr regelmäßigen und guten Austausch mit Google". Es ist ein Spagat, an dem wohl kaum ein Marktteilnehmer auf absehbare Zeit vorbeikommen wird.
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