Martin Berthoud© ZDF
Schärfsten Gegenwind bekommt Max Conze vom ZDF. Martin Berthoud, Leiter der Hauptabteilung Programmplanung und ZDF-Vertreter in der AGF, weist die Feststellungen des ProSiebenSat.1-Vorstandsvorsitzenden zurück. "Die AGF-Messung der Bewegtbildnutzung ist alles andere als antiquiert. Sie entwickelt sich dauernd weiter und nimmt neue Fragestellungen auf. So wird die Nutzung von Online-Videos in einer Mischung aus Zensus- und Panel-Messung seit einigen Jahren erhoben. Die AGF liefert bereits Sehbeteiligungs- und demografische Daten der nonlinearen Ausspielung von Programmen.“



Berthoud weiter: „Auch wenn die Messung nonlinearer Angebote noch im Aufbau ist: dass die Zahlen für lineare und nonlineare Ausspielung nach derselben Metrik ermittelt werden, macht sie erst vergleichbar. Und dass sich in der AGF alle beteiligten Marktpartner an einem gemeinsamen System beteiligen, sichert diesen Vorteil für die gesamte Bewegtbildnutzungsmessung. Für Programmplanung und Werbezeitenvermarktung stehen damit vergleichbare Zahlen zur Verfügung, es tritt kein Zustand babylonischer Zahlen-Verwirrung nach dem Muster 'Jeder Marktakteur liefert seine eigenen Zahlen' ein. Die Kritik von Herrn Conze geht an dem vorbei, was die AGF tatsächlich tut und entwickelt.“

"Das ZDF geht auch davon aus, dass ProSiebenSat.1 seine bisherige konstruktive Rolle in der Arbeit der AGF weiterführt."
Martin Berthoud, ZDF

Auch beim ZDF wünscht man sich aber, dass die Weiterentwicklung der Reichweitenmessung schneller gehen würde. „Allerdings ist die Etablierung eines konvergenten Mess-Standards für lineare und nonlineare Bewegtbildangebote ein außerordentlich komplexes Unterfangen. Der bewährte Anspruch der AGF, die Daten nach anerkannten Standards der Markt- und Sozialforschung zu ermitteln und dabei zugleich neue Empfangstechnologien zu berücksichtigen, erfordert im Zweifel, Qualität vor Schnelligkeit gehen zu lassen. Wir unterstützen alle Anstrengungen der AGF, die Weiterentwicklung der Reichweitenmessung auf dieser Basis zu beschleunigen. Das ZDF geht auch davon aus, dass ProSiebenSat.1 seine bisherige konstruktive Rolle in der Arbeit der AGF weiterführt.“

Der Nachrichtensender Welt, die Discovery-Sendergruppe, RTL II, die ARD sowie die Mediengruppe RTL Deutschland wollten sich am Montag auf Anfrage des Medienmagazins DWDL.de wiederum nicht zu der Frage äußern, wie zeitgemäß die aktuelle Einschaltquoten-Messung die Fernsehnutzung abbildet, wie zufrieden sie mit dem Tempo der Weiterentwicklung der Reichweitenmessung sind und wie hilfreich es ist, wenn die gemeinsame Währung vom Vorstandsvorsitzenden der ProSiebenSat.1 Media SE diskreditiert wird.

Die fünf Medienhäuser, allesamt Gesellschafter der AGF Videoforschung, verwiesen stattdessen am Nachmittag auf eine koordinierte Stellungnahme der AGF. Diese geht jedoch nicht auf die Fragen ein, die den Sendern gestellt wurde - weil wir der AGF logischerweise andere Fragen gestellt haben. Auch die OMG (Organisation der Mediaagenturen) und die Organisation Werbungstreibende im Markenverband (OWM), die einen Sitz im AGF-Aufsichtsrat haben, wollen sich auf DWDL.de-Anfrage nicht äußern und verweisen ebenso auf das AGF-Statement.

Anke Weber© AGF
So erklärt Anke Weber, Geschäftsführerin der AGF Videoforschung auf DWDL.de-Anfrage: „ Die AGF Videoforschung liefert seit dreißig Jahren den in Deutschland anerkannten Standard für Leistungsdaten zur Bewegtbildnutzung. Das Forschungsinstrument wurde über all die Jahre konsequent an die Veränderungen in der Medienlandschaft sowie in der Mediennutzung angepasst. Dies geschieht auch aktuell mit dem Aufbau einer konvergenten Bewegtbildreichweite, die die lineare Bewegtbildnutzung mit der non- linearen Bewegtbildnutzung bspw. über mobile Endgeräte zusammenführt und neue Marktpartner berücksichtigt. Diese aufwändige und methodisch fundierte Forschungs- und Entwicklungsarbeit geschieht natürlich im konsensualen Einvernehmen mit allen Gesellschaftern sowie den Marktpartner aus werbungtreibenden Unternehmen und Agenturen.“

"Die AGF sieht sich durch die von Herrn Conze formulierten Zielsetzung, dem Markt einen Standard hinsichtlich der Bewegtbildmessung zur Verfügung zu stellen, in ihrer Ziel- und Aufgabensetzung bestätigt."
Anke Weber, AGF Videoforschung

Wurde die AGF denn von den Äußerungen des ProSiebenSat.1-Vorsitzenden überrascht oder wurde die Kritik zuvor auch schon intern im AGF-Kreis eingebracht? Anke Weber beweist diplomatisches Geschick: „In den unterschiedlichen Gremien und Arbeitskreisen der AGF Videoforschung erfolgt schon immer ein intensiver Austausch. Die fachlich sehr versierten Kollegen der ProSiebenSat.1 unterstützen die AGF konstruktiv auf allen Ebenen in ihrer anspruchsvollen Aufgabe, einen Marktstandard für die integrierte Bewegtbildmessung zu entwickeln, zu erstellen und dem Gesamtmarkt zur Verfügung zu stellen. Die AGF sieht sich durch die von Herrn Conze formulierten Zielsetzung, dem Markt einen Standard hinsichtlich der Bewegtbildmessung zur Verfügung zu stellen, in ihrer Ziel- und Aufgabensetzung bestätigt.“

Kai Blasberg© Tele 5/Gert Krautbauer
Mit der gewohnten Prise Humor kommentierte dann noch Kai Blasberg, Geschäftsführer bei Herbert Kloibers Tele 5, die Kritik an der Quotenmessung. Einst selbst größter Kritiker der Quoten, hat sich Blasbergs Haltung mit dem Eintritt von Tele 5 in den Gesellschafterkreis der AGF längst geändert. „Nichts ist antiquierter als die Kritik an der Quotenmessung“, sagt er in Richtung Conze. Zum Tempo der Weiterentwicklung erklärt der Tele 5-Chef: „Etwas sehr Gutes zu verbessern, ist schwer. Es sei denn, man hat keine Ahnung und nichts damit zu tun; dann erscheint es leicht.“ Die Aussagen eines Vorstandsvorsitzenden der Konkurrenz machen ihm für Tele 5 keine Sorgen: „Wenn ich die Hilfe der Konkurrenz zum eigenen Erfolg benötige, ist das Beste wohl rum. Oder ich heiße FDP. Dann geht´s.“