Diese Telegeschichte beginnt am 21. Oktober 1993 in einem kleinen Studio in Köln. Es ist mit einer blauen, stilisierten Großstadtkulisse dekoriert. In einer Ecke sind ein Hochtisch und ein schwarzer Monitor aufgebaut. Dort steht die Moderatorin Margarethe Schreinemakers und kündigt den nächsten Programmpunkt ihrer Talkshow „Schreinemakers Live“ an.

Es folgt der Besuch der 52-jährige Karin Waigel, die über ihre Initiative zur Unterstützung rumänischer Waisenkinder sprechen möchte. Sie schwärmt von den strahlenden Kinderaugen, wenn sie ihre gesammelten Hilfsgüter vor Ort verteilen kann. Es sind bewegende Schilderungen und Bilder. Doch dann wechselt Schreinemakers plötzlich das Thema und fragt: „Wieviel Kraft haben Sie, Frau Waigel?“. Dazu legt sie beinahe beiläufig ihre Hand auf die ihrer Gästin und drückt sie sanft. Karin Waigel beginnt daraufhin zu weinen.

In diesem Moment scheinen all der Schmerz, all die Belastungen und all die Demütigungen aus ihr herauszubrechen, die sie in den vergangenen Monaten ertragen musste. Denn sie erlebt gerade eine öffentlich diskutierte Scheidung von ihrem Ehemann, dem damaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel. Bekannt wird dabei auch, dass er bereits seit Jahren mit der ehemaligen Skirennläuferin Irene Epple liiert sein soll.

Vor zehn Tagen erscheint Theo Waigel gemeinsam mit seiner neuen Lebensgefährtin gut gelaunt in der Late-Night-Show von Thomas Gottschalk. Dort schwärmen beide von ihrer harmonischen und glücklichen Beziehung. Während er sich als verliebter Lebemann ohne schlechtes Gewissen inszenieren kann, gehen viele Zeitungen mit der Ehefrau härter ins Gericht. Die Rede ist von Alkoholsucht, von Medikamentenabhängigkeit, von Depressionen und von ihrer Unfähigkeit, die gemeinsamen Kinder zu erziehen.

Nach all diesen Ereignissen und Gerüchten sitzt nun Karin Waigel in der Live-Sendung von Margarethe Schreinemakers und ringt um ihre Fassung. Sie entgegnet der Moderatorin: „Das war nicht unser Thema heute.“ Dennoch wolle sie den Frauen Mut machen, die sich in einer ähnlich schweren Situation befinden wie sie: „Man kann die Kraft haben, aus diesem Tief herauszukommen. Irgendwo geht's immer weiter.“ Mehr äußert sie sich zur Ehe nicht. Sie wäscht keine schmutzige Wäsche. Sie verrät keine intimen Details. Kein Wort zur neuen Lebensgefährtin ihres Mannes. Kein Wort zu seinem Auftritt bei Gottschalk. Kein öffentliches Nachtreten.

Mit Männern in Windeln zum Erfolg

Mit durchschnittlich 5,47 Millionen Zuschauenden erreicht die Ausgabe einen Spitzenwert und schreibt die Erfolgsgeschichte von „Schreinemakers Live“ fort. Innerhalb von anderthalb Jahren hat sich die Sendung vom Geheimtipp am späten Abend zum großen Fernsehhit entwickelt. Dazu trägt eine wilde Mischung aus brisanten und boulevardesken Themen bei. Deren Spektrum reicht von Wunderheilern und Männern in Windeln über Sadomasochismus und siamesische Zwillinge bis hin zu Kinderprostitution, traumatisierten Soldaten und der Ausbreitung von AIDS. Mit wachsendem Zuspruch erhält Schreinemakers immer mehr Sendezeit und schließlich den festen Platz am Donnerstagabend um 21.15 Uhr.

Schreinemakers Live © IMAGO / teutopress

Entsprechend selbstbewusst führt sie im Herbst 1993 die Verhandlungen über ihre Zukunft. Dabei spielt sie Sat.1 und RTL geschickt gegeneinander aus. Erst nachdem Sat.1 auch eine mögliche Weiterführung der Produktion während einer Babypause in Aussicht stellt, unterschreibt sie die Verlängerung. Die neue Vereinbarung läuft bis Ende 1996 und garantiert ihr vollständige redaktionelle Verantwortung ohne Einmischung des Senders. Zudem wird ein Honorar von 110.000 DM pro Ausgabe vereinbart. Damit steigt sie in die Riege der Spitzenverdiener:innen des deutschen Fernsehens auf und erhält als Frau eine Gage, die bis dahin ausschließlich männlichen TV-Stars vorbehalten war. Wenn überhaupt.

Als ernst zu nehmende Journalistin wird sie dennoch nur selten wahrgenommen. Stattdessen konzentriert sich die öffentliche Darstellung auf ihre emotionale Herangehensweise und ihre konsequente Parteinahme für die Betroffenen. Ihre persönliche Zuwendung, ihr ausgestelltes Mitgefühl und die Tränen, die ihr bei den Schilderungen ihrer Gäste regelmäßig kommen, bringen ihr bald den Beinamen „Heulsuse der Nation“ ein.

Gleichzeitig wird sie für ihr forsches Verhalten und ihr starkes Selbstbewusstsein kritisiert. Ihre Gesprächsführung wird als zu dominant und rechthaberisch empfunden, ihr Ton als zu hart, ihr Auftreten als zu burschikos. Sie kämpft mit widersprüchlichen Erwartungen. Einerseits gilt sie als zu weinerlich, andererseits als nervige Zicke. Mit diesen sexistisch geprägten Zuschreibungen und doppelten Maßstäben müssen sich ihre männlichen Kollegen wie Thomas Gottschalk nicht auseinandersetzen.

Im Weg von Harald Schmidt

Als Fred Kogel im Jahr 1995 die Programmleitung bei Sat.1 übernimmt und den Sender auf den Kopf stellt, wird es für Schreinemakers unangenehm. Viele seiner prominenten Verpflichtungen wie Thomas Gottschalk, Fritz Egner und Harald Schmidt stammen aus seinem persönlichen Umfeld – und fast alle sind Männer. Die selbstbewusste Schreinemakers, die großen Wert auf ihre redaktionelle Unabhängigkeit legt, passt in diese neue Unternehmenskultur immer weniger. Vor allem Harald Schmidt spielt eine Schlüsselrolle in Kogels Strategie. Für dessen neue Late-Night-Show will er einen durchgängigen Beginn um 23.00 Uhr etablieren. Doch genau dafür steht die mittlerweile bis Mitternacht laufende Talkshow von Margarethe Schreinemakers im Weg. Und sie weigert sich für Schmidt, ihre Sendung zu verlegen oder zu kürzen.

Als der Streit darüber eskaliert, vereinbart Schreinemakers kurzerhand einen Wechsel ihrer Produktion zum Konkurrenten RTL. Dort sichert ihr RTL-Boss Helmut Thoma den bisherigen Sendeplatz am Donnerstagabend um 21.15 Uhr und eine Laufzeit von drei Stunden vertraglich zu. In Kraft tritt der Schreinemakers-Deal allerdings erst nach Ablauf ihres bestehenden Sat.1-Vertrags – also im Januar 1997. Bis dahin muss die Moderatorin noch anderthalb Jahre für den alten Sender und Fred Kogel arbeiten.

Jörg Wontorra bei Schreinemakers Live © IMAGO / teutopress Heißt nicht Schreinemakers, moderiert aber trotzdem die nach ihr benannte Sendung: Jörg Wontorra

Während dieser Zeit wird Schreinemakers schwanger und kündigt ihre vertraglich vereinbarte Babypause an. Ab März 1996 übernimmt Sportmoderator Jörg Wontorra ihre Vertretung. Zu diesem Zeitpunkt steht bereits fest, dass Schreinemakers am 22. August 1996 für ihre letzten Shows für Sat.1 zurückkehren wird. Es wird ein Tag werden, der in die deutsche Fernsehgeschichte eingeht.

„Der Waigel will mich fertigmachen.“

Während Schreinemakers‘ Abwesenheit kommen Meldungen über ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung auf. Schon seit Längerem steht die Moderatorin in der Kritik, ihren Wohnsitz im Jahr 1993 bewusst nach Belgien verlegt zu haben, um von den dortigen steuerlichen Regelungen zu profitieren. Sie selbst weist diesen Vorwurf wiederholt zurück. Der Umzug habe vorrangig den Zweck gehabt, in Belgien anonym leben und ihren Kindern ein unbehelligtes Aufwachsen ermöglichen zu können.

In einem Interview mit der Zeitschrift „TV neu“ weist Schreinemakers die Vorwürfe zurück und behauptet, dass ihr „das Bundesamt für Finanzen in Bonn völlig ungerechtfertigt große Schwierigkeiten“ machen würde. „Alle Anzeichen und Äußerungen deuten darauf hin, daß dieses Verfahren von höchster Stelle beeinflußt ist.“ Als Ursache vermutet sie jenen drei Jahre zurückliegenden Auftritt von Karin Waigel in ihrer Show. Dieser habe nicht in das „Bild vom jungen Glück“ gepasst, das „Herr Minister Waigel mit seiner damals Noch-Freundin Irene Epple kurz vorher auf der Gottschalk-Late-Night-Couch demonstriert hatte“. Im August verschärft sie gegenüber der Hamburger Morgenpost den Vorwurf: „Ich habe das Gefühl, der Waigel will mich fertigmachen.“

Ihre Behauptung stützt sie auf einen anonymen Anruf aus dem Finanzministerium, bei dem ihr „massiv gedroht“ worden sei, sowie auf einen Brief aus dem Umfeld Waigels. Beweise für eine gezielte Einflussnahme kann sie jedoch nicht vorlegen. Gleichzeitig sieht sie sich durch eine Äußerung Theo Waigels vom politischen Aschermittwoch der CSU bestätigt: „Wenn schon deutsche Showmaster oder deutsche Showmasterinnen von deutschen Zuschauern leben, dann sollen sie für ihre Gagen auch in Deutschland ihren gerechten Steueranteil zahlen.“ Obwohl er ihren Namen nicht nennt, wertet Schreinemakers den Satz als weiteren Hinweis auf eine gezielte Kampagne gegen sie.

Waigel weist die Anschuldigung zwar zurück und beteuert, sich nicht in „ihre Steuerangelegenheiten eingemischt“ zu haben. Doch allein die Verdächtigung, der Bundesfinanzminister wolle Schreinemakers aus persönlicher Rache fertigmachen, liefert den Medien eine dankbare Story. Bemerkenswert ist allerdings, dass der aktuelle Steuerstreit gar nicht ihren belgischen Wohnsitz betrifft, sondern die Vertragskonstruktion rund um die Finanzierung ihrer Sendung.

Ganz legale Steuertricks?

Bei der Vertragsverlängerung im Jahr 1993 hatte sich Sat.1 nämlich auf ein ungewöhnliches Konstrukt eingelassen. Demnach überweist der Sender für jede Ausgabe einen Betrag in Höhe von einer Million DM an die Firma „Living Camera“. Sie ist offiziell für die Produktion verantwortlich, hat aber ihren Sitz in den Niederlanden. „Living Camera“ wiederum beauftragt das deutsche Sub-Unternehmen „Telemaus GmbH“ mit der Umsetzung von „Schreinemakers Live“. Von der „Telemaus“ wird also die Sendung mit 26 Mitarbeitenden in Deutschland tatsächlich hergestellt. Angeblich erhält sie dafür einen Betrag von 600.000 DM für jede Folge.

Der Vorteil dieser Konstruktion liegt darin, dass der offizielle Auftrag an eine niederländische Firma vergeben wird und dieser damit dem niederländischen Steuerrecht unterliegt, das eine deutlich geringere Abgabenlast vorsieht. So weit so legal.

Der Kern der Auseinandersetzung besteht nun im sogenannten „Doppelbesteuerungsabkommen“. Denn auf die Beträge, die Sat.1 an „Living Camera“ überweist, muss der Sender zunächst eine Quellensteuer in Höhe von 25 Prozent abführen. Diese Regelung soll verhindern, dass finanzielle Einnahmen, die in Deutschland erzielt werden, einfach ins Ausland verlagert werden, ohne dass der deutsche Fiskus davon profitiert. Allerdings kann sich „Living Camera“ diese 25 Prozent Steuern vollständig erstatten lassen, wenn es in den Niederlanden tatsächlich eine wirtschaftliche Leistung erbringt.

Genau das bezweifelt die Steuerbehörde. Weil die „Telemaus“ die Sendung faktisch allein produziert und „Living Camera“ keine weiteren TV-Projekte umsetzt, sehen sie in der niederländischen Firma lediglich eine überflüssige Durchleitungsgesellschaft – eine Briefkastenfirma, die ausschließlich zum Zweck der Steuervermeidung zwischengeschaltet worden sei. Deshalb verweigern sie die Rückerstattung der Quellensteuer. Bis zu diesem Zeitpunkt addieren sich die nicht erstatteten Beträge auf eine Summe von mittlerweile 25 Millionen DM, für deren Rückzahlung sich Schreinemakers nun öffentlich einsetzt.

Ebenso verdächtig erscheint, dass die Kölner „Telemaus GmbH“ ausgerechnet ihrem damaligen Ehemann Werner Klumpe gehört. Zugleich bleibt unklar, wer hinter der Firma „Living Camera“ steht und ob sie möglicherweise Gelder in die Steueroase Curaçao weiterleitet. Es wird sogar vermutet, Schreinemakers selbst könnte eine zentrale Anteilseignerin der Firma sein. Bewiesen werden kann das nicht, weil die niederländischen Gesetze keine Offenlegung der Eigentümerverhältnisse verlangen.

Um diese ungewöhnliche Verschachtelung geht es in dem Steuerstreit im Sommer 1996. Das aber ist vielen Menschen zu kompliziert. Hängen bleibt bei den meisten lediglich die Information, dass Schreinemakers Probleme mit dem Finanzamt hat und sich weigert, ihr üppiges Gehalt in Deutschland zu versteuern.

Alle gegen Margarethe

Angeheizt durch Hunderte Zeitungsartikel entwickelt sich aus dem Vorfall eine massive öffentliche Empörungswelle, die Margarethe Schreinemakers mit voller Härte entgegenschlägt. Dabei gerät die Wortwahl der Journalist:innen zunehmend schärfer. Sie wird nun als „Opfersachverständige“ (Spiegel), als „Moderatorin mit dem Hang zum Nervensägen“ (Tagesspiegel) oder als „Moderatorenschrapnell“ (taz) bezeichnet und immer wieder als habsüchtig und maßlos charakterisiert. Der Spiegel rechnet in einer zwölfseitigen Titelgeschichte vor, welche Millionensummen Schreinemakers ohne die umstrittene Konstruktion angeblich an Steuern hätte zahlen müssen und der „Stern“ unterschreibt ihr Foto auf dem Cover schlicht mit dem Wort „Gier“. Nicht selten schwingt bei den Berichten eine besondere Häme darüber mit, dass ausgerechnet eine der erfolgreichsten Frauen des deutschen Fernsehens stürzt.

Schnell stimmen viele Politiker in die allgemeine Erregung ein. Der CDU-Politiker Hans-Otto Wilhelm und der SPD-Abgeordnete Klaus Lennartz fordern sogar zum Boykott ihrer Sendung auf. Lennartz wirft ihr vor, die „Solidarität der Menschen zu missbrauchen“, während Wilhelm vermutet, dass Schreinemakers „mit wachsendem Reichtum immer skrupelloser und geldgeiler“ wird. Derweil fordert der bayerische Finanzminister Erwin Huber (CSU) sie auf, ihren Wohnsitz nach Deutschland zurückzuverlegen. Wenn sie „nur noch einen Funken Anstand“ habe, solle sie sich nicht länger den deutschen Finanzbehörden entziehen und „zahlen wie jeder Arbeiter auch“. Besonders persönlich wird der Grünen-Politiker Jürgen Trittin, der ihren ohnehin schon sexistischen Spitznamen nun gegen sie wendet: „Offensichtlich schreckt die Heulsuse der Nation nicht vor Verunglimpfung zurück.“

Und so kippte innerhalb weniger Tage Schreinemakers' Image von der weinerlichen „Beichtmutter“ zur nimmersatten, raffgierigen Steuerbetrügerin.

Gegenseitige öffentliche Drohungen

Für ihre erste Sendung nach der Babypause kündigt Schreinemakers schließlich an, zu den Vorwürfen gegen sie und insbesondere zur Steueraffäre Stellung beziehen zu wollen. Sat.1 reagiert umgehend und erklärt, man wolle nicht, „dass Frau Schreinemakers ihre persönlichen Probleme mit Herrn Waigel zum Gegenstand der Sendung macht.“

Für Schreinemakers stellt dieses Nein einen Angriff auf ihre vertraglich zugesicherte redaktionelle Unabhängigkeit dar und sie besteht darauf, ihre Position darlegen zu wollen. Daraufhin fordert Sat.1-Chef Fred Kogel sie mit einer Frist auf, schriftlich zu erklären, dass sie die eigenen Steuerangelegenheiten nicht in ihrer Show zu bespricht. Schreinemakers' Ehemann und Anwalt Werner Klumpe reagiert mit einer eigenen Frist. Sat.1 solle zusichern „nie mehr in die redaktionelle Autonomie von ‚Schreinemakers Live‘ einzugreifen“. Andernfalls behalte man sich eine außerordentliche Kündigung des laufenden Vertrags vor.

Sat.1 bleibt hart und verweist auf die eigene Programmhoheit. Entsprechend kündigt Sprecherin Kristina Faßler an, man werde sich „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen wehren“.Ein weiterer Sprecher droht letztlich damit, die Live-Übertragung notfalls abzuschalten.

Während sich die Seiten immer weiter verhärten, will RTL als lachender Dritter davon profitieren. Denn Senderchef Helmut Thoma erklärt, man werde Schreinemakers im Fall einer Kündigung „mit Kusshand“ empfangen. Sie könne notfalls schon am nächsten Donnerstag bei ihm auf Sendung gehen und dort auch ihre Steueraffäre zur Sprache bringen. Mögliche Schadenersatzzahlungen oder Konventionalstrafen von Sat.1 werde man jedoch nicht übernehmen.

Dennoch sucht Schreinemakers noch einmal den Kompromiss. Gemeinsam mit ihrem Team bietet sie an, die Angelegenheit lediglich in einem zehnminütigen Einspielfilm zu behandeln und diesen vorab zur Prüfung vorzulegen. Doch die Führung von Sat.1 lehnt den Vorschlag ab und hält an ihrem Verbot fest.

Damit steuert alles auf einen spektakulären Showdown vor laufenden Kameras zu. Wird Schreinemakers es wagen, sich in ihrer eigenen Sendung über die Vorgabe ihres Senders hinwegzusetzen? Und wie wird dann Sat.1 reagieren?

„Eine ungeheure Menge Mist“

Am Nachmittag des 22. August 1996 unternimmt Sat.1-Co-Geschäftsführer Jürgen Doetz einen letzten Versuch, die Eskalation zu verhindern. Er reist nach Köln und bittet nochmals eindringlich, auf den geplanten Film zu verzichten. Als auch dieser Versuch scheitert, bereitet sich Sat.1 darauf vor, die Ausstrahlung abzubrechen. Derweil ist ein Kamerateam von RTL ebenfalls bei „Schreinemakers Live“ vor Ort und filmt die Ereignisse im Studio und im Regieraum. Der Konkurrent hat bereits angekündigt, das umstrittene Statement am nächsten Tag ausstrahlen zu wollen, sollte Sat.1 es tatsächlich unterbrechen.

Pünktlich um 21.00 Uhr kehrt Margarethe Schreinemakers erstmals nach ihrer Pause und der wochenlangen öffentlichen Debatte auf den Bildschirm zurück. Die Anspannung ist ihr deutlich anzumerken. Ohne große Umschweife beginnt sie die Sendung: „Sie sehen, ich bin wieder da. Hinter mir liegen fünf Monate Pause, eine wunderschöne Geburt und ein tolles Baby. Aber leider auch eine ungeheure Menge Mist, der über mich geschrieben worden ist. Und da denke ich, haben Sie ein Recht auf die Wahrheit.“ Doch sie kündigt an, ihre Position aus rechtlichen Gründen erst am Ende der Sendung darlegen zu können – offenbar, um mögliche Schadensersatzforderungen wegen entgangener Werbeeinnahmen zu vermeiden. „Ob Sie dann den Beitrag sehen werden, das liegt nicht mehr in meiner Hand.“

Bis dahin läuft die Sendung wie gewohnt. Es geht um Schwindelgefühle, um Federfußball und um die Frage, wie es ist, mit einem Mörder verheiratet zu sein. Eine AIDS-kranke Mutter berichtet, wie sie ihr Baby fortgeben musste und der Schlagersänger Jürgen Drews streitet sich mit einem jungen Mann, der behauptet, sein Sohn zu sein.

Showdown um kurz vor Mitternacht

„Jetzt ist der Moment gekommen, auf den viele von Ihnen sicher gewartet haben. Und ich, das kann ich Ihnen garantieren, noch sehr viel mehr.“ So beginnt Margarethe Schreinemakers um 23.45 Uhr den entscheidenden Teil der Sendung. Rund 4,5 Millionen Menschen sehen ihr dabei noch zu. Es startet ein Einspielfilm, in dem viele der Schlagzeilen der vergangenen Wochen in schneller Folge über den Bildschirm laufen. Nach drei Sekunden wird die Sequenz jedoch schwarz ausgeblendet und eine Texttafel erscheint: „Aus aktuellem Anlass muss Sat.1 heute seinen Programmablauf ändern.“

In der folgenden Sonderausgabe der „Sat.1 Nachrichten“ bestätigt Ulrich Meyer noch einmal, dass der Sender die Übertragung von „Schreinemakers Live“ abgebrochen habe. Zudem verliest er ein Statement der Geschäftsführung, in dem deren Position erneut wiederholt wird. Zum Abschluss versichert er, dass die Show in der kommenden Woche dennoch in gewohnter Form präsentiert werde.

Damit nicht genug, als nächstes erscheint Harald Schmidt, der an einem improvisierten Schreibtisch drei Minuten lang schale Gags zu Schreinemakers‘ Abbruch verstolpert. Er erzählt von einer Sat.1-Abschaltmaschine, trinkt demonstrativ einen Blue Curaçao und erwähnt, dass der Sender als Ersatzprogramm auch den Film „Für eine Handvoll Dollar“ bereitliegen hatte. Es ist ein bemühter, platter Auftritt und keine satirische Auseinandersetzung mit dem gerade eskalierten Konflikt. Das soll er offenbar auch gar nicht sein. Denn dass ausgerechnet Harald Schmidt – der Mann, wegen dem die senderinternen Reiberein ursprünglich begonnen hatte – nun noch auf die Niederlage von Schreinemakers draufhaut, ist eine eindeutige Machtdemonstration.

Schreinemakers Stellungnahme

Am Tag darauf berichtet RTL in all seinen Nachrichtensendungen ausführlich über den Eklat um stellt sich demonstrativ an die Seite des baldigen Neuzugangs. Bei „Explosiv – Das Magazin“ kommt Schreinemakers schließlich ich einem ausführlichen Interview zu Wort. Sie habe sich vor der Sendung gefühlt, als ginge es zur „Abschlachtung“, und „Höllenangst“ davor gehabt, wieder vor eine Kamera zu treten. Jetzt, da alles vorbei ist, sei sie „stolz“, dass sie es trotzdem durchgezogen habe.

Vor allem zeigt man jenen sechsminütigen Beitrag, dessen Ausstrahlung Sat.1 am Vortag noch verhindert hat. Es sei ein Beitrag, über den heute ganz Deutschland spricht und der schon jetzt ein „Fernsehdokument“ ist, leitet ihn Barbara Eligmann ein. Darin sitzt Margarethe Schreinemakers vor einem Schnittplatz und wendet sich direkt an die Zuschauenden zu Hause. Mit zornigem Unterton arbeitet sie sich an den wichtigsten Vorwürfen gegen sie ab. An Theo Waigels Kritik an ihrem Wohnsitz, an ihrer angeblichen Millionen-Forderung an das Finanzamt, an der ihr unterstellten Gier, an einem Haus, das sie vorgeblich in der Nähe von Salzburg beziehen wolle, an mutmaßlicher Schleichwerbung in ihrer Sendung und schließlich an der Unterstellung eines Spendenbetrugs, der mit der eigentlichen Steueraffäre überhaupt nichts zu tun hat. Dazwischen werden Zeitungsartikel, einstweilige Verfügungen und Gegendarstellungen als Belege für ihre Unschuld eingeblendet. Sie wählt ihre Formulierungen sehr geschickt und achtet genau darauf, bei welcher Anschuldigung sie von sich selbst und bei welcher sie von der Produktionsfirma spricht. Daher ist der Beitrag tatsächlich keine journalistische Aufarbeitung, sondern ein sorgsam orchestriertes Plädoyer, das ihren guten Ruf wiederherstellen soll.

„Es hat sich wirtschaftlich überhaupt nicht gelohnt“

Trotz der Eskalation halten sowohl Sat.1 als auch Schreinemakers an der Erfüllung des bestehenden Vertrags fest und bringen die noch vereinbarten 16 Ausgaben geräuschlos über die Bühne. Doch der Trubel und die öffentliche Darstellung als gierige Millionärin haben ihr Ansehen zu stark beschädigt, sodass die Sehbeteiligungen stetig sinken. Als sie ihr unverändertes Format ab Januar 1997 unter dem Namen „Schreinemakers TV“ bei RTL fortsetzt, ist von ihrem einstigen Zuspruch kaum etwas übrig. Lediglich die Auftaktfolge überschreitet die Marke von durchschnittlich vier Millionen Zuschauenden. Die weiteren Episoden bleiben teilweise deutlich darunter.

Helmut Thoma und Margarethe Schreinemakers © IMAGO / APress Wurde mit ihr nicht glücklich: Helmut Thoma

Als auch eine Konzeptanpassung nach der Sommerpause nicht die erhoffte Wende bringt, beendet der Sender die ursprünglich auf mindestens drei Jahre angelegte Zusammenarbeit bereits nach 12 Monaten. „Es hat sich wirtschaftlich überhaupt nicht gelohnt“, lautet Helmut Thomas abschließendes Fazit. Wohl auch deshalb, weil man den Ausfall von 26 zugesagten Sendungen mit einer zusätzlichen Zahlung von 18 Millionen Mark kompensieren muss.

Einen vergleichbaren Erfolg wie mit ihrer abendlichen Talkshow kann Margarethe Schreinemakers anschließend nicht mehr erzielen. Nach mehreren nur kurz andauernden Comebacks landet sie im April 2008 schließlich beim Mitmachsender 9Live. Und das mit einer skurrilen Call-In-Show, die direkt aus ihrem Haus in Belgien übertragen wird. Das allerdings ist eine ganz andere Telegeschichte, … die hier erzählt wird.