Coronavirus © imago images / ZUMA Wire
Corona ist für viele existenzbedrohend

Produzenten zwischen Solidarität und staatlichen Hilfen

 

Dreharbeiten im öffentlichen Raum finden nicht mehr statt, etliche Produktionen sind unterbrochen worden. Die Corona-Krise trifft viele Produzenten hart. Wie viel Solidarität gibt es und wie sehr helfen die staatlichen Maßnahmen wirklich? DWDL.de hat sich umgehört…

von Timo Niemeier
02.04.2020 - 08:10 Uhr

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Am Anfang waren es nur einzelne Produktionen. Florian Silbereisen konnte eine Schlager-Liveshow nicht machen und auch die Verleihung der Goldenen Kamera wurde verschoben. Inzwischen hat das Coronavirus die gesamte Produktionsbranche hart getroffen - alle Unternehmen haben reagieren müssen. Die Dreharbeiten an Filmen und Serien sind mittlerweile fast komplett zum Erliegen gekommen, weil das Drehen im öffentlichen Raum untersagt wurde. Auf der anderen Seite werden Unterhaltungssendungen verschoben oder ohne Publikum umgesetzt, gleichzeitig stampfen Sender und Produzenten kurzfristig Corona-Unterhaltungsshows aus dem Boden. Info-Formate sind in diesen Zeiten ohnehin allgegenwärtig.

Einen ähnlichen Impact auf die gesamte Produktionsbranche hat es in den letzten 20 Jahren nicht gegeben, nun stehen alle vor großen Herausforderungen. Wie umgehen mit der Tatsache, dass viele Produktionen derzeit einfach nicht umgesetzt werden können? Und wenn doch: Wie hält man die strengen Sicherheitsbestimmungen ein? Für viele Produzenten ist die aktuelle Situation existenzbedrohend, das bestätigen sie gegenüber DWDL.de. Und die rechtliche Situation, inklusive der Hilfszusagen von Bund und Ländern, ändert sich quasi täglich. Daher ist es in diesen Tagen schwierig für viele Produzenten, eine Prognose zu geben. Einige wollen sich deshalb nicht gegenüber DWDL.de äußern. Zu unsicher und unklar ist für die die aktuelle Situation - andere dagegen finden sehr wohl Worte. 

Michael Lehmann, Studio Hamburg© SHPG/Finger
Michael Lehmann (Foto rechts), Vorsitzender Geschäftsführer der Studio Hamburg Production Group, etwa richtet seinen Blick schon in die Zukunft. Wie sich die unterschiedlichen Hilfen wie etwa Kurzarbeitergeld oder die Soforthilfen, auf das Geschäft auswirken, wisse man spätestens ab Mai. Für die Wiederaufnahme der Dreharbeiten sei es jetzt "zwingend erforderlich", Schnelltests zu erhalten, um einen Dreh überhaupt zu gewährleisten. Lehmann sagt, sämtliche Dreharbeiten der Studio Hamburg Production Group seien unterbrochen und verschoben worden, daher habe man auch bereits Kurzarbeit beantragt. 

Sylvia Fahrenkrog-Petersen© Good Times
Damit ist Studio Hamburg nicht allein. Unter anderem haben auch Bavaria Film, Constantin Entertainment, NeueSuper und die UFA Fiction für Teile der Belegschaft angekündigt, auf Kurzarbeit setzen zu wollen, um aktuelle Auftragsrückgänge und Unterbrechungen abzufedern. Sylvia Fahrenkrog-Petersen (Foto links), Geschäftsführerin bei Good Times, erklärt, ihre Mitarbeiter würden derzeit Urlaubstage abbauen und Minustage aufbauen. Sie sagt außerdem, alle Sender hätten in diesen Zeiten Verständnis, wenn etwas nicht fristgerecht geliefert werden könne. "Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Sender momentan auch mit großen Problemen zu kämpfen haben. Einerseits ist der Programmbedarf gestiegen, andererseits sind die Werbeeinahmen eingebrochen." Konkrete Hilfsangebote habe sie bislang nur von RTLzwei erhalten, der Sender hat ein Programm direkt beauftragt, das rechercheintensiv sei. Die Mitarbeiter von Good Times arbeiten nun vor allem aus dem Home Office daran. 

"Senderseitig nur 50 Prozent der Ausfallkosten zu übernehmen wird nicht reichen."
Korbinian Dufter, Geschäftsführer NeueSuper

Korbinian Dufter© NeueSuper
Grundsätzlich ist in diesen Zeiten viel von Solidarität die Rede - auch in der Branche. So haben alle großen Sender angekündigt, sich an Mehrkosten zu beteiligen, die den Produzenten durch Produktionsstopps entstehen. Die Produzenten loben die schnellen Maßnahmen und die vorhandene Gesprächsbereitschaft. Wie genau die Beteiligung an den Mehrkosten aussieht, ist vielen aber noch unklar. Und auch die oft genannte Obergrenze von 50 Prozent der Kostenübernahme sorgt für Kritik. Einer, der das öffentlich formuliert, ist Korbinian Dufter (Foto rechts), Geschäftsführer bei der NeueSuper. "Senderseitig nur 50 Prozent der Ausfallkosten zu übernehmen wird nicht reichen", sagt er gegenüber DWDL.de. Viele Firmen würden sich selbst in Boom-Zeiten schwer damit tun, ausreichende Rücklagen zu bilden. "Die meisten hangeln sich von Projekt zu Projekt, kämpfen um realistische Kalkulationen und Auswertungsrechte." Die Corona-Krise zeige nun, wie wichtig diese Diskussionen in der Branche gewesen seien, wenn man eine starke und unabhängige Produzentenlandschaft wolle. Sein Fazit: "Die Senderpartner müssen sich stärker beteiligen."

Produzenten fordern mehr Unterstützung

Auch andere Produzenten kritisieren die oft genannte Obergrenze von 50 Prozent, wollen aber nicht zitiert werden. Tenor: Bei vielen Produktionsfirmen sei die Kapitaldecke sehr dünn und das Geld bei großen fiktionalen Produktionen oft schon ausgegeben, da helfe dann auch keine Kurzarbeit mehr. Ergo müssten die Sender den Produktionsfirmen stärker unter die Arme greifen. Tun sie das nicht, könne bei einigen Firmen schon in vier bis sechs Wochen das Licht ausgehen. Andere Produzenten sorgen sich auch um die künftigen Budgets der Sender, die sich jetzt an den Mehrkosten der Produzenten beteiligen - und langfristig wohl weniger Geld zur Verfügung haben. Die Sender beginnen ja auch bereits damit, fest eingeplante Serien und Filme ins nächste Jahr zu verschieben. Überwiegend positiv bewertet werden die Maßnahmen des ZDF. Der Sender hatte als erster eine anteilige Übernahme der Mehrkosten angekündigt, am Dienstag setzten die Mainzer zusätzlich einen 15 Millionen Euro schweren Sonderfonds für Produzenten auf

Magnus Kastner © EndemolShine/Bernd Jaworek
Bei der NeueSuper habe man bereits in der Woche vor den Ausgangsbeschränkungen in Bayern auf Home Office umgestellt. Wenn das Verbot der Dreharbeiten wieder aufgehoben werde, wolle man die Produktion schnell fortführen, so Dufter. Er bezeichnet Kurzarbeit als "wichtiges Instrument", sagt aber auch: "Reine Liquiditätshilfen in Form von Darlehen verschleppen bei vielen Firmen das Problem nur. Hier sind Zuschüsse zum Overhead jenseits von Personalkosten das richtige Mittel." Angekündigt wurden von der Politik bereits Darlehen, Bürgschaften, Liquiditätsunterstützungen oder auch Steuerstundungen und andere Soforthilfen. "Die von Bund und Ländern angekündigten Maßnahmen sind ein erster und wichtiger Schritt", sagt Magnus Kastner (Foto links), Geschäftsführer Endemol Shine Germany. Betonung in diesem Fall auch auf dem Wort "erster". 

Hilfspakete wohin man blickt

Gleichzeitig gibt es bei den staatlich angekündigten Maßnahmen eine große Unsicherheit, wer wann was und wo beantragen kann. Kürzlich haben ja auch die verschiedenen Förderanstalten eine Art Hilfsfonds aufgelegt. Eine Übersicht über viele Hilfspakete speziell für die Medienbranche gibt es auf der Webseite der Anwaltskanzlei Brehm & v. Moers, auch DWDL.de berichtet fortlaufend über sämtliche Corona-Maßnahmen in der Medienbranche. Zuletzt haben sich BFFS (Bundesverband Schauspiel) und ver.di mit der Produzentenallianz kurzfristig auf einen Kurzarbeits-Tarifvertrag geeinigt, der Kurzarbeit ermöglicht und eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes durch die Produktionsfirmen vorsieht (DWDL.de berichtete), diese Einigung sorgt firmenübergreifend für viel Lob, weil sie schnell und unbürokratisch umgesetzt wurde. Aber auch hier berichten Produzenten von einer Rechtsunsicherheit, weil unklar sei, ob Arbeitsämter überhaupt Kurzarbeit für auf Produktionsdauer beschäftigte Filmschaffende gewähren. Von der Produzentenallianz heißt es auf Anfrage, der ausgehandelte Tarifvertrag sei bereits an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales weitergeleitet worden - verbunden mit der Bitte, eine bundesweit einheitliche Anwendung in den Arbeitsämtern anzuordnen. Eine Antwort vom Ministerium gibt es bislang noch nicht.  

Christian Franckenstein© Bavaria Film
"Wir befassen uns jetzt intensiv mit den notwendigen Voraussetzungen zur Wiederaufnahme auch fiktionaler Produktionen insbesondere auf dem Studiogelände. Dieses abgeschlossene Gelände stellt für die kommenden Wochen und Monate sicherlich einen Vorteil dar, den wir gern auch mit anderen Produzenten teilen", kündigt Christian Franckenstein (Foto rechts), CEO Bavaria Film, gegenüber DWDL.de an. Ansonsten stehen beim Unternehmen sämtliche fiktionale Produktionen still. Wegen der für einige Teile im Unternehmen angekündigten Kurzarbeit will Franckenstein mit gutem Beispiel vorangehen. "Auch bin ich dafür, dass wir uns als Führungskräfte solidarisch verhalten und auch durch angemessene Einschränkungen dem Unternehmen bei der Bewältigung der Krise helfen", sagt er. Man habe ein erstes "schlüssiges und ausgewogenes Gesamtpaket" für die Gruppe entwickelt und umgesetzt, das man kontinuierlich überprüfen und anpassen werde. "Die Arbeitnehmervertreter verhalten sich hier sehr konstruktiv. Auch das ist ein starkes Zeichen der Gemeinschaft." 

Auf Seite zwei geht es um zusätzliche Aufträge in der Krise, positive Entwicklungen und die Vorteile, wenn Produktionsfirmen zu einem großen Konzern gehören. 

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