Welcher Deal ist nun durch?

Der RTL-Sky-Deal. Am letzten Tag der Prüffrist hat die EU-Kommission freigegeben, was die Branche seit Juni 2025 erwartet hatte. RTL Deutschland übernimmt Sky Deutschland, ohne Auflagen. Chapeau! 150 Millionen Euro in bar, dazu eine auf 377 Millionen gedeckelte Earn-Out-Komponente, die sich an der RTL-Aktie orientiert. Vollzug zum 1. Juni 2026. Am Ende entsteht ein DACH-Verbund mit rund 12,3 Millionen zahlenden Abonnenten über RTL+, Sky und Wow hinweg. Platz drei hinter Netflix und Prime Video, erwartete Synergien von 250 Millionen Euro jährlich. RTL-CEO Stephan Schmitter führt das neue Unternehmen, Bertelsmann-Chef Thomas Rabe spricht vom Meilenstein für die europäische Medienindustrie. Keine zwei Tage später steht auch die künftige Geschäftsführung: Julia Kloke wird CFO, Elke Walthelm kommt als CHRO von Sky, Michael Radelsberger übernimmt als Chief Consumer Officer das gesamte Pay-Geschäft. Die klassische Vermarktung ist erstmals nicht mehr auf Geschäftsführungsebene vertreten. Ad-Alliance-Chef Frank Vogel berichtet künftig direkt an Schmitter.

Das Narrativ für die Genehmigung liefert Brüssel praktischerweise gleich mit. EU-Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera begründet die Freigabe ausdrücklich damit, dass etablierte europäische Mediengruppen ihre Position gegen den Druck globaler Streaming-Plattformen festigen dürfen. Und Medienstaatsminister Wolfram Weimer legt noch am selben Tag auf X nach: „Wir brauchen nationale Champions, die international bestehen können." Die Sprachregelung setzt sich durch, von der dpa bis Horizont, von Leadersnet bis Börse Online. An dieser Stelle stutze ich. Stephan Schmitter bringt das Framing in seinem Interview mit DWDL am Abend der Freigabe selbst auf den Punkt. Er verweist auf die acht großen Streamingdienste in Deutschland - Netflix, Prime Video, Disney+, Sky/Wow, DAZN, Paramount+, HBO Max - und stellt fest, dass RTL darunter der einzige deutsche Player sei. Das stimmt. Aber es ist eben auch eine Definition des Spielfelds. TikTok, YouTube, Twitch kommen in dieser Zählung nicht vor. Sie sind keine Streamingdienste in diesem Sinne. Nur verbringt die Zielgruppe, die Medienunternehmen in den nächsten zehn Jahren gewinnen oder verlieren, ihre Zeit seit Jahren nicht primär bei Bezahl-Abos. Sie verbringt ihre Zeit in der Creator-Ökonomie, bei Mobile Games, in Discord-Servern und auf Twitch-Streams. Für die Unter-30-Jährigen ist RTL+ kein Konkurrent von anderen Streamern, sondern eine Alternative zu einem MrBeast-Video auf YouTube, einem vertikalen Kurzclip oder einem Fortnite-Abend mit Freunden.

Der Aufmerksamkeitsmarkt hat sich längst entlang anderer Linien neu sortiert. Wer das ernst nimmt, müsste eigentlich noch an anderer Stelle investieren. In werbefinanzierte Einstiegsangebote für eine Generation ohne Abo-Reflex. In Creator-Strategien statt nur in den klassischen Content-Einkauf. Der Audiomarkt ist längst eine eigene Liga, die Gaming-Welt sowieso. Aber nichts davon ließe sich so elegant in einem Satz an die Börse kommunizieren wie zwölf Millionen Abonnenten. Das verstehe ich. Und der Preis war auch einfach zu gut. Zu diesem strategisch nachvollziehbaren Deal gratuliere ich deshalb Stephan Schmitter und seinem Team ganz herzlich und wünsche ihnen viel Erfolg. Ob jedoch hier ein National Champion für die Arena der Zukunft gebaut wird oder für die, die wir gerade verlassen, wird die Zeit zeigen.

Kann man einen Künstler feiern, indem man alles ausblendet, was ihn unfeierbar macht?

Man kann offensichtlich. Die erste Auffälligkeit an „Michael“ (Lionsgate), der diese Woche im Kino startet, ist, was der Film nicht erzählt. Antoine Fuquas Biopic, entstanden mit Billigung und enger Begleitung des Jackson-Estate, folgt Michael Jacksons Aufstieg von den Jackson 5 bis zum globalen Solo-Superstar der „Thriller“-Zeit und endet 1988. Also exakt dort, wo der Mythos maximal strahlt und lange bevor die Missbrauchsvorwürfe sein öffentliches Bild dauerhaft beschädigten. Die heikelsten Kapitel wurden nachträglich sogar aus dem Film entfernt. Passagen über die Vorwürfe gegen Jackson, so kann man nachlesen, mussten gestrichen und für viele Millionen Dollar neu gedreht werden. Produzent Graham King nannte das Projekt in Berlin bei der Premiere dennoch offen eine „celebration story.“ Gerade deshalb erscheint „Michael“ für mich wie ein Reputationsprodukt. Der Film zeigt den Ausschnitt, den das Estate heute wieder marktfähig machen will. Das ist deshalb bemerkenswert, weil parallel neue Vorwürfe gegen Jackson juristisch verhandelt werden und der Film diese Realität nicht einordnet. An dieser Stelle landet man fast automatisch bei der alten Debatte, ob man das Werk vom Künstler trennen darf. Natürlich darf man das - analytisch. Sonst könnte man weder Picasso noch einen erheblichen Teil der Film- und Popgeschichte ernsthaft betrachten.

Aber man darf daraus keine moralische Waschstraße machen. Bei Woody Allen etwa ist die kulturelle Debatte seit Jahrzehnten größer als jede Einigung. Die Vorwürfe stehen im Raum, Allen weist sie zurück, und viele Zuschauer sehen seine brillanten Filme heute anders als früher - auch ich gehöre dazu. Bei Kevin Spacey liegt der Fall anders. Er wurde juristisch freigesprochen, sein Ruf aber blieb schwer beschädigt. Trotzdem würde ich heute immer noch jedem „The Usual Suspects“ empfehlen. Schon diese beiden Beispiele zeigen, dass zwischen Vorwurf, juristischer Klärung, öffentlicher Wahrnehmung und späterer Vermarktung kein sauberer Gleichschritt besteht. Darf man Michael Jacksons Musik weiterhin hören? Ja, das darf man - habe ich zumindest für mich als Fan seines musikalischen Genies entschieden. Ein historisches Werk betrachten ist das eine. Aber 2026 ein großes Studio-Biopic auf den Markt zu bringen, das den Künstler bis zur „Thriller“-Glorie verfolgt, die zentralen Vorwürfe ausblendet und sich selbst als Feiergeschichte versteht, ist etwas anderes. Hier wird die Trennung von Werk und Künstler banal als Geschäftsmodell genutzt. Meine Schlussfolgerung wäre deshalb: Werk und Künstler zu trennen ist legitim als intellektuelles Instrument. Es wird illegitim, wenn die Trennung zur reinen PR-Strategie wird. „Michael“ ist kein Film über den ganzen Michael Jackson. Er ist ein Film über die Version Michael Jackson, die man dem Publikum und vor allem neuen Fans wieder verkaufen möchte.

Wann wird die Zukunft zum Randgeschäft?

ProSiebenSat.1 hat am Dienstag den Verkauf des nordamerikanischen Creator-Geschäfts unter der Marke Studio71 US an Fixated LLC in Los Angeles bekanntgegeben. Das Closing erfolgte am Montag zuvor. 246 Millionen Euro Umsatz fallen aus der Konzernrechnung, die Prognose für 2026 rutscht von "leichtem" auf "moderaten Rückgang". Finanzielle Details bleiben unter Verschluss. Ich vermute, Fixated dürfte einen günstigen Einkauf gemacht haben. Bemerkenswert ist für mich weniger die Transaktion als ihr Timing im Kontext. 2015 hatte ProSiebenSat.1 das US-Multichannel-Network Collective Digital Studio übernommen und mit dem eigenen Studio71 verschmolzen. Damals die strategische Wette, dass die Zukunft des Bewegtbildes nicht mehr allein auf dem linearen Kanal entschieden wird. Elf Jahre später fällt das, was als Brücke in die digitale Zukunft gedacht war, unter „Randgeschäft.“ So verschieben sich Prioritäten.

Interessanter als der Verkäufer ist in solchen Momenten der Käufer. Fixated wurde 2023 gegründet. Eine Firma also, die es vor drei Jahren noch nicht gab. Im Dezember 2025 folgten 50 Millionen Dollar von Eldridge Industries, das Vehikel hinter A24 und Penske Media von Todd Boehly, einem der prägenden amerikanischen Finanzinvestoren im Schnittfeld von Medien, Sport und Kapitalmarkt. Vor Studio71 kaufte Fixated Camp Talent, Moondust Management, Ellify, Elevate - alles Bausteine der Creator-Economy-Infrastruktur. Nach Studio71 sollen weitere Transaktionen folgen. Während europäische Broadcaster ihren Radius also verkleinern, aggregiert amerikanisches Kapital methodisch genau die Assets, die wir gerade abgeben. Ob das langfristig Sinn ergibt, wird sich zeigen. In der aktuellen Gouvernanz war der Verkauf für ProSiebenSat.1 aber nur folgerichtig und ein weiterer Schritt zum erklärten Ziel, sich auf Entertainment in DACH zu konzentrieren. Glückwunsch also. Die bereits weiter oben gestellte Frage aber bleibt: Wer besitzt in zehn Jahren die Infrastruktur, auf der die nächste Generation von Audiences ihr Medienbudget hinterlässt? Fixated hat darauf vielleicht eine Antwort. Die europäischen Medienhäuser müssen sie auf dem Weg der Transformation vermutlich noch finden. Die Unternehmen, die sie geben werden, existieren mitunter noch gar nicht oder, wie im Fall Fixated, gerade erst seit drei Jahren.

Was passiert eigentlich, wenn man sich die Sendung, über die viele reden, tatsächlich ansieht?

Ich habe mir das ganze „Corpus Delicti“ angesehen. Dreißig Minuten „Druckfrisch“ vom 29. März, darunter auch das Segment, in dem Literaturkritiker Denis Scheck im Parforceritt durch die Spiegel-Bestsellerliste rattert. Gelaufen an einem Sonntag kurz vor Mitternacht im Ersten. Und ich bin etwas ratlos aus dieser Sendung hervorgegangen. Nicht, weil Scheck Ildikó von Kürthys „Alt genug“ nicht verrissen hätte, etwa mit der Formulierung, man bekomme hier „Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette“, oder Sophie Passmanns Buch „Wie kann sie nur“ als „intellektuelle Desasterzone“ beschrieb. Das tat er. Und er warf beide Bücher in die Tonne. Ratlos eher deshalb, weil die Sendung, die ich gesehen habe, in ihrer Gesamtheit deutlich anders wirkte als das, worüber in den sozialen Medien seit Wochen debattiert wird: Scheck möge keine Autorinnen. Gleich zu Beginn wurde nämlich Sophie Elmhirst mit Wärme und Kennerschaft empfohlen, später landeten Bücher männlicher Autoren ebenso in der berüchtigten Scheck-Tonne.

Die Grenze verlief für mich jedenfalls nicht erkennbar entlang des Geschlechts, sondern entlang von Schecks Geschmack. Den muss man nicht mögen, und umstritten war er schon immer. Aber die mediale Rezeption dieses Tonnen-Ausschnitts folgte nun einer anderen Logik. Ildikó von Kürthy veröffentlichte am 6. April 2026 einen offenen Brief in der ZEIT, in dem sie Scheck das „Du“ aufkündigte und erklärte, sie wolle die „Respektlosigkeit“ und „Verachtung der lesenden und schreibenden Frauen“ nicht länger kommentarlos hinnehmen. Sophie Passmann wiederum meldete sich per Instagram-Video und bemängelte, Schecks Verriss sei nicht deshalb problematisch, weil er negativ ausfiel, sondern weil er weibliche Lebensthemen pauschal als uninteressant abtue. Diese Replik muss natürlich auch der Kritiker Scheck aushalten. Mein Punkt ist nur ein anderer. Vierunddreißig Sekunden aus einer halbstündigen Sendung wurden zum Struktursymptom ausgebaut, aus „Schnatterzone“ wurde in Echokammern schnell „gebührenfinanzierte Misogynie“. Elke Heidenreich, die Scheck bekanntlich ebenfalls wenig abgewinnen kann, legte im Express nach, Scheck sei „aufgebläht, eitel, durch nichts qualifiziert“ und könne „nicht mal Hochdeutsch sprechen“. Eine Feuilleton-Größe hält einem öffentlich-rechtlichen Kritiker also die sprachliche Herkunft als Qualifikationsmangel vor, und am Ende soll der Mann mitsamt seiner Sendung abgesetzt werden.

Hinzu kommt: Die Heftigkeit der Empörung steht in keinem Verhältnis zur Reichweite der Sendung. Je erodierter die tatsächliche Gatekeeper-Macht eines Einzelkritikers ist, desto symbolisch aufgeladener erscheint mir der Streit um dessen Sendeplatz. Man streitet, als hätte dieser Mann noch die Definitionsmacht, die er de facto längst verloren hat. Eine monatliche Halbstundensendung spät am Sonntagabend im Ersten, eine kleine Insel in einem Ozean der Unterhaltungsgleichgültigkeit, deren Existenz lange kaum jemanden störte und deren Positionen man aushalten kann, aber nicht teilen muss. Kritik muss nicht gefallen, um legitim zu sein. Und geschadet hat sie offenkundig auch nicht: Frau von Kürthys Buch stand gestern noch immer auf Platz 1 der Hardcover-Sachbuchliste. Man kann Schecks Formulierungen ohne Weiteres für grob, herablassend oder daneben halten. Nur ist noch nicht jede verbale Geschmacklosigkeit automatisch der Beweis für ein tiefer liegendes Systemproblem.

Und warum geht Reed Hastings genau zum richtigen Zeitpunkt?

Dass Hastings Netflix verlässt, war die eigentliche Sensation des letzten Earnings-Moments. Im Brief zum ersten Quartal teilte Netflix mit, dass der Gründer und Chairman bei der Hauptversammlung im Juni nicht mehr zur Wiederwahl antreten wird. Operativ sah das Quartal stark aus. 12,25 Milliarden US-Dollar Umsatz, plus 16 Prozent, dazu ein Free Cashflow von 5,09 Milliarden US-Dollar. Trotzdem reagierte die Börse nervös. Weil der Ausblick vorsichtiger ausfiel und zugleich Hastings’ Abgang bekannt wurde, fiel die Aktie nachbörslich deutlich. Reuters sprach von einem Minus von mehr als zehn Prozent. Geld ist offenkundig nicht das Thema für Hastings an Bord zu bleiben. Wer in den vergangenen Jahren Hunderte Millionen verschenkt hat und laut Berichten weiter ein Netflix-Aktienpaket im Milliardenwert hält, muss 2026 nicht mehr im Board sitzen, um seine Miete zu zahlen. Interessanter ist deshalb auch hier das Timing. Ted Sarandos sagte auf dem Earnings Call fast beiläufig, Hastings habe vor Jahren einmal gesagt, er wolle „about another 10 years“ dabeibleiben. Geworden sind es nur sechs. Vier Jahre weniger als selbst geplant. Und diese Entscheidung passt in eine seltene, aber legendäre Tradition großer Tech-Gründerabgänge. Bill Gates zog sich 2008 aus dem operativen Microsoft-Geschäft zurück und verließ 2020 auch das Board, also bevor Microsoft endgültig in eine völlig neue Ära aus Cloud, KI und Plattformpolitik eintrat. Jeff Bezos wiederum kündigte 2021 seinen Rückzug als Amazon-CEO in einem Moment an, als das Unternehmen noch glänzende Quartalszahlen vorlegte und die Pandemie-Euphorie noch nicht verflogen war. Beide gingen nicht im Niedergang, sondern im Fenster zwischen alter Stärke und neuer Ungewissheit.

Genau dort steht für mich auch Netflix. Die Firma ist finanziell stark, sie wächst weiter, sie hat Werbung, Live-Events und neue Formatexperimente. Aber es geht nicht mehr nur darum, wer Streaming gewinnt. Es geht darum, ob „Streaming“ überhaupt noch die richtige Kategorie ist, um die nächste Dekade von Aufmerksamkeit zu verstehen. Wenn Netflix heute Video-Podcasts, Sport und einen vertikalen Discovery-Feed ausprobiert, dann wirkt das wie die Suche nach einer Antwort, die noch niemand sauber formuliert hat. Hastings’ eigentliche Größe? Er erkennt, was viele Gründer nie erkennen. Der Mensch, der die letzte Ära gebaut hat, ist fast nie automatisch der Richtige für die nächste. Gates verstand das wohl irgendwann. Bezos auch. Hastings offenbar ebenfalls. Für Sarandos und Peters ist das eine unbequeme Erbschaft. Eine glänzend laufende Firma, und eine offene Kategorienfrage, auf die ihr Gründer die Antwort nicht mehr selbst liefern wollte.