Die Carolin Kebekus Show © WDR/Ben Knabe
"Die Carolin Kebekus Show" im Ersten

Viel mehr als "Pussyterror": So gut war Kebekus noch nie

 

Seit "Pussyterror TV" der "Carolin Kebekus Show" gewichen ist, hat sich nicht nur der Name verändert. In bemerkenswerter Taktung gelingt es Kebekus seither, für Aufmerksamkeit zu sorgen - mit wenigen Schenkelklopfern, aber viel Relevanz.

von Alexander Krei
09.07.2020 - 08:15 Uhr

Waren das noch Zeiten, als der WDR eine Satire zensierte, in der Carolin Kebekus an einem Kirchenkreuz leckte. Ziemlich genau sieben Jahre ist das nun her, doch längst haben sich der Sender und die Komikerin wieder gern, wie mehrere Staffeln ihrer Comedyshow "Pussyterror TV", vor allem aber die "Carolin Kebekus Show" beweisen. Dabei ist Kebekus heute angriffslustiger denn je. Sie wolle den Finger mehr in die Wunde legen, erzählte sie kürzlich in einem Interview anlässlich des Starts ihrer neuen Show. Was man eben so sagt, wenn man eine neue Show startet – könnte man meinen. 

Weit gefehlt. Tatsächlich ist die neue "Carolin Kebekus Show" keineswegs eine altbekannte Show, die ein findiger Redakteur mit einem neuen Namen versehen hat. Nein, "Die Carolin Kebekus Show" gehört zu den besten Neustarts, die das deutsche Fernsehen in der letzten Zeit hervorgebracht hat. Das ist auch deshalb beeindruckend, weil die Vorzeichen angesichts der Corona-Krise nicht die besten waren, immerhin muss Kebekus vor leeren Rängen witzeln, was für eine Comedyshow per sé nicht die beste Grundvoraussetzung ist.

Die Weiterentwicklung im Vergleich zum Vorgänger-Format zeigt sich besonders in der beeindruckenden Schlagzahl, mit der Kebekus und ihr Team für Gesprächsstoff sorgen. Freilich brachte auch "Pussyterror TV" unterhaltsame Momente hervor, doch in ihren neuen Show vergeht seit Ende Mai fast keine Woche ohne dass etwas hängen bleibt. Das liegt daran, dass sie massiv mit gesellschaftlicher Relevanz aufgeladen worden und der Schenkelklopfer-Humor einer erstaunlichen Ernsthaftigkeit gewichen ist.

Keine Angst vor dem eigenen Arbeitgeber

Am besten zeigte sich das vermutlich vor wenigen Wochen, als Carolin Kebekus ihre WDR-Kollegin Shary Reeves kurzerhand einen "Brennpunkt" zum Thema Rassismus moderieren ließ, weil sie diesen "im Ersten deutschen weißen Fernsehen" vermisste. Was folgte, war ein zwölfminütiger Block, der wachrüttelte und, um mit Kebekus zu sprechen, den Finger in die Wunde legte. Das gelang ihr kurz darauf auch, als sie das "Frauen-Problem" der ARD zum "Männer-Problem" umkehrte – in Anlehnung an eine umstrittene Aussage von Programmdirektor Herres.

Die beiden Beispiele belegen, dass Carolin Kebekus nicht einmal davor zurückschreckt, den eigenen Arbeitgeber zu kritisieren. Aber auch sonst rüttelte sie immer wieder auf. So etwa vor einer Woche, als sie mit "Quarks"-Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim das Engelchen und Teufelchen mimte, um über Meinungsmache im Internet zu diskutieren. Oder als sie die Antibabypille anlässlich ihrer Zulassung vor 60 Jahren kritisch würdigte und auf die fehlende Weiterentwicklung hinwies, weil Frauen sie aus Mangel an Alternativen trotz all ihrer Nebenwirkungen schluckten.

Mit Beiträgen wie diesen gelingt es "Carolin Kebekus Show" spielerisch, exakt jene Lücke zu füllen, die durch Jan Böhmermanns Pause entstanden ist. Dass die Sendung mindestens mit dem vor einem halben Jahr beendeten "Neo Magazin Royale" mithalten kann, mag auch daran liegen, dass hinter ihr nicht nur die eigene, neue Firma Unterhaltungsflotte TV steht, sondern auch die btf – was man im besten Sinne auch sieht. Stylisch, bunt und cool kommt die Produktion daher, und selbst wenn sich Kebekus nur wenige Schritte bewegt, sieht ihr Studio im nächsten Moment schon wieder komplett anders aus. Auch optisch ist die Show ein Festival der Kreativität.


Und der Erfolg? Bei YouTube können sich die Abrufzahlen der Videos rund um die Show durchaus sehen lassen – alleine der Rassismus-"Brennpunkt" wurde mittlerweile fast 800.000 Mal aufgerufen. Mit Blick auf die linearen TV-Quoten hätte die neue Kebekus-Show dagegen noch einige Zuschauer mehr verdient. Wie schade, dass die nächste Ausgabe schon die vorerst letzte sein wird. Diese könnte aber noch einmal besonders interessant werden. Zum Abschied wurde nämlich bereits eine Hymne für die katholische Kirche angekündigt. Bleibt zu hoffen, dass Carolin Kebekus sich damit höchstens mit Gott anlegt - und nicht wieder mit dem WDR. 

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Ist Sesselsportler, von Bundesliga bis Darts-WM.

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