Die große Leinwand und der kleine Handyscreen kommen sich mitunter erstaunlich nah. Am Rande von Filmfestivals diskutiert die Branche in letzter Zeit bevorzugt, ob der Hochkant-Hype einen willkommenen Weg aus der wirtschaftlichen Krise weisen könnte. Wie hin- und hergerissen dabei die Antworten ausfallen, war an einem kalten Februarmorgen während der Berlinale zu beobachten. Die Rechtsanwälte von Fieldfisher Germany hatten zu einem "AI Filmmaking Update" in ihre überfüllte Kanzlei geladen.

Gleich zu Beginn outete sich Entertainment-Fachanwältin Julia Schafdecker als glühender Fan von Vertical-Drama-Soaps, die sie tagtäglich auf dem Weg zur Arbeit in der S-Bahn verschlinge. Auf ihre erwartungsvolle Frage, was deutsche Produzenten denn nun aus dem Trend machten, reagierte Drive-Beta-Chef Hannes Jakobsen eher sparsam: Er sehe dort vorerst kein spannendes Geschäftsmodell, weil das Geld nicht in der Produktion, sondern in der massenhaften Distribution der Kurzserien verdient werde. Dafür brauche es schon eine App mit Millionenreichweite.

So oder ähnlich sehen es viele im deutschen Markt. Zwischen persönlicher Euphorie und geschäftlichem Abwarten sondiert man mögliche Einstiegsszenarien und beobachtet ansonsten, wer welche Plattform- und Finanzierungsmodelle etablieren könnte. ProSiebenSat.1 hat dem Vernehmen nach eine Vertical-Drama-Arbeitsgruppe eingesetzt, auch bei RTL, Disney, Netflix oder Prime Video treibt das Thema die Strategen um. Auf produzierender Seite sind die Black Forest Studios, die nicht nur hochvolumig Serien entwickeln, sondern auch eine eigene App für deren Verbreitung zimmern lassen (DWDL.de berichtete), noch eine Ausnahmeerscheinung.

Sarah Kübler © HitchOn/Sandra Zaitsev "Radikal agil": Sarah Kübler plädiert für die Effizienz der Vertical Dramas
Dass den global wachsenden Markt – mit elf Milliarden Dollar Umsatz im vorigen Jahr – "viele hierzulande noch als Nische abtun", kann Sarah Kübler nicht verstehen. Die Geschäftsführerin der Social-Media-Agentur und Online-Videoschmiede HitchOn hat das enorme Potenzial vor Augen: "Weil sich hier die Art, wie wir Geschichten konsumieren und wie Marken kommunizieren, fundamental verschiebt. In China geben User für diese Kurzformate bereits mehr Geld aus als wir für all unsere Streaming-Abos zusammen." Der Business Case sei für Medienschaffende mit Produktionskosten unter 2.000 Euro pro Minute "hocheffizient", rechnet Kübler vor. Der Preisvorteil entstehe durch "radikal agile Drehs und den essenziellen Einsatz von KI an verschiedensten Stellen im Prozess".

Zumindest bei Constantin Entertainment dürfte sie damit offene Türen einrennen. Als erste der großen deutschen Produktionsfirmen hatte die Constantin-Film-Tochter im Februar bekannt gegeben, dass sie strategisch ins Geschäftsfeld Vertical Drama investiert. Geschäftsführer Otto Steiner sprach damals von einem "hochdynamischen Genre mit enormem Wachstumspotenzial, das auch den europäischen Markt erobern" werde. Zuvor war die von Kai Fischer geleitete Unit Constantin Creators bereits mit dem Format "Aminho – The Challenge" aufgefallen, das in 20 KI-generierten Kurzepisoden die fiktionalisierte Lebensgeschichte des gleichnamigen Fuball-Creators erzählt hatte – als Branded Entertainment für die Schuhmarke Skechers.

 

China hat Plattformen. Die USA haben Plattformen. Deutschland hat aktuell: keine dominante App, keine relevante lokale Plattform.
Kai Fischer, Head of Constantin Creators

 

Für die US-amerikanische Vertical-Plattform Crisp Momentum hat Constantin zunächst zwei Serien auf Englisch mit jeweils 60 Episoden produziert: "The Wolf Prince Set My Desire on Fire" und "Boss, Please Undress Me!", beide vom langjährigen "Sturm der Liebe"-Regisseur Felix Bärwald inszeniert, tauchen dem Vernehmen nach tief in die genretypische Dramaturgie und Emotionalität ein. Crisp war erst im November 2025 mit seiner App und den ersten 20 Originals an den Start gegangen. Dieses Jahr sollen 85 Originals folgen, darunter die beiden Constantin-Serien. Das börsennotierte Unternehmen mit Sitz in New York befindet sich mehrheitlich in chinesischem Besitz.

Kai Fischer © Constantin Entertainment "Wie Netflix Originals ohne Netflix": Constantin-Manager Kai Fischer mahnt die fehlende Infrastruktur an
"Deutschland diskutiert einen Markt, dessen eigentliche Mechaniken wir noch kaum verstanden haben", findet Kai Fischer, der das Thema bei Constantin zusammen mit Fiction-Chefin Sonia Ben Salah vorantreibt. "Vertical Storytelling ist wahrscheinlich das erste fiktionale Genre, das nicht aus der kreativen Vision eines Storytellers entsteht, sondern aus Plattformverhalten. Erfolgreiche Vertical Dramas entstehen nicht aus Originalität. Sie entstehen aus Iteration, Pattern Recognition, tausendfach getesteten emotionalen Mechaniken. Die globale Industrie arbeitet näher an Gaming und Performance Marketing als an TV-Entwicklung." Deshalb werde der Markt hierzulande oft falsch gelesen und wie ein neuer Content-Trend diskutiert. Dabei gehe es in Wahrheit um eine "neue infrastrukturelle Logik für Storytelling selbst". Fischer weiter: "China hat Plattformen. Die USA haben Plattformen. Deutschland hat aktuell: keine dominante App, keine relevante lokale Plattform, keine funktionierende Monetarisierungslogik für dieses Verhalten. Wir diskutieren massiv über Content, obwohl die Infrastruktur faktisch nicht existiert. Das ist ungefähr so, als hätte man 2010 über Netflix Originals gesprochen. Ohne Netflix."

 

EiLiN positioniert sich als die führende europäische Plattform für vertikale Premium-Videoinhalte im 9:16-Format.
Aus einer Vertical-Minds-Präsentation

 

An einer App, die perspektivisch in diese lokale Lücke stoßen könnte, arbeiten derzeit nicht nur die Black Forest Studios. Auch das im Januar gegründete Münchner Unternehmen Vertical Minds, hinter dem IFP-Entertainment-Chef Markus Vogelbacher und Games-Entwickler Chriz Merkl stehen, hat sich vorgenommen, die "führende europäische Plattform für vertikale Premium-Videoinhalte im 9:16-Format" zu bauen. Unter dem Namen "EiLiN" soll eine App entstehen, die auf europäische Kultur und Vielfalt setzt – in Abgrenzung zu den chinesisch-amerikanischen Pendants, die mit ihrer Fokussierung auf Romance "oft sehr eindimensional" seien. Ähnlich wie im Schwarzwald sucht man noch nach weiteren Investoren. Für Produzenten hat Vertical Minds zwei Modelle im Angebot: entweder eine Archiv-Lizenzierung von bestehendem Material mit fünf Jahren Mindestlaufzeit und einem Revenue-Split von bis zu 80 Prozent für den Lizenzgeber oder eine Koproduktion neuer Formate mit hälftigem Revenue-Share.

Between The Beats © Radio Bremen/SR/Markus Nass Von K-Pop inspiriert: "Between the Beats" startet bald auf TikTok
Das bisherige Fehlen einer lokalen Infrastruktur hat auch zur Folge, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk – sonst nicht immer der Schnellste im Aufspüren digitaler Trends – einstweilen für TikTok produziert. Im Auftrag von Radio Bremen und dem Saarländischen Rundfunk hat die Saxonia-Media-Tochter Red Pony Anfang des Jahres "Between the Beats" gedreht. Dabei handelt es sich um ein Coming-of-Age-Drama im Ballettmilieu – stark inspiriert vom südkoreanischen K-Pop-Trend. In 23 Episoden à ein bis drei Minuten wird die Story einer jungen Primaballerina erzählt, deren geheimer Traum es ist, nach Seoul zu ziehen und K-Pop-Star zu werden. Die Autorinnen Su-Jin Song und My Cao bedienen sich sowohl bei typischen Coming-of-Age-Elementen wie dem Loslösen vom elterlichen Erwartungsdruck als auch bei populären Microdrama-Motiven wie "Mistaken Identity"."Coming soon", heißt es auf dem bereits angelegten TikTok-Profil der Serie, das seinerseits schon mal K-Pop-Superstar Rosé ("Apt.") oder der ARD-Mediathek folgt.

Als eine Art Vorreiter kann man das Format "iam.justmyself" betrachten, das die junge BR-Marke Puls seit zehn Jahren für Funk produziert. Die fiktionale Endlos-Serie – von vornherein vertikal gedreht und live auf Snapchat ausgespielt – erscheint wie das Videotagebuch einer ganz normalen Userin aus der Ich-Perspektive. Über Kommentare bestimmt die Community den Fortgang der Handlung mit. Dabei wechselt die weibliche Hauptfigur, deren Coming of Age dokumentiert wird, alle zwei Jahre. Inzwischen spielt Funk die Serie auch kontinuierlich auf TikTok aus.

Aus Produzentensicht scheint derweil einer der realistischsten Wege ins Vertical Drama über Branded Entertainment zu führen, so wie bei Constantin Entertainment für Skechers. HitchOn-Chefin Kübler spricht davon, die "Brand zum Showrunner" zu machen. Banijay Productions hat im Frühjahr auf eigene Faust ein 28-teiliges New-Adult-Microdrama produziert, zu dessen Einzelheiten man sich noch bedeckt hält. Nur so viel ist bekannt: Executive Producerin Imke Runde hat einen Cast aus acht namhaften Creatorn zusammengetrommelt, die zusammen auf 33 Millionen Social-Media-Follower kommen und mit ihrer Reichweite ein wichtiger Teil der Distributionsstrategie werden sollen.

Über die Distribution führe man "aktuell konkrete Gespräche", so eine Banijay-Sprecherin. Generell denke die Produktionsgruppe bei Vertical Drama über das einzelne Projekt hinaus und sehe "großes Potenzial für Brands, weil sich Storytelling, Creator und Community hier deutlich enger miteinander verzahnen lassen als in klassischen Modellen". International ist Banijay bereits vor einigen Jahren ins Hochkant-Business eingestiegen: In Brasilien laufen mehr als ein Dutzend Produktionen auf Plattformen wie ReelShort und Kwai, in Spanien und Finnland wird derzeit ebenfalls gedreht.

Bisher bei »Vertical Drama – Megatrend oder Strohfeuer?«