Serien 2017 © Amazon/Turner/X Filme/Netflix
Das Serienjahr 2017

"Sehr lange uncool": Schaffen wir die kreative Wende?

 

Die ersten Streaming-Serien made in Germany sind weltweit online. Das lineare TV tut sich schwer mit der neuen Welt. Von "Dark" bis "Magda macht das schon": DWDL.de-Chefreporter Torsten Zarges zieht vier Schlussfolgerungen aus dem Serienjahr 2017.

von Torsten Zarges
22.12.2017 - 08:36 Uhr

1. Deutschland kann Streaming

Aus Zuschauersicht ist das keine neue Erkenntnis. Ein Viertel der deutschen Bevölkerung nutzt regelmäßig Videostreaming-Dienste wie Netflix oder Amazon, Tendenz stark steigend. Aus Machersicht sind die Erfahrungen noch etwas frischer. 2017 war das Jahr mit den jeweils ersten deutschen Eigenproduktionen auf Netflix, Amazon und Maxdome. Genau genommen in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge. Alle drei haben bewiesen, dass die Branche in der Lage ist, attraktive SVoD-Inhalte zu liefern, wenn sie nur will. So verschieden "Dark", "You Are Wanted" und "Jerks" auch sein mögen – ihre gemeinsame Botschaft lautet: Deutschlands Serienmacher haben kein Kreativitätsproblem, sie hatten bislang höchstens ein Kundenproblem.

Kreative wie Jantje Friese und Baran bo Odar, Matthias Schweighöfer oder Christian Ulmen und andere mehr stehen im Zentrum des Interesses internationaler Plattformanbieter. Warum? Weil sie schon seit längerem durch Werke aufgefallen sind, die aus dem grauen, mittelguten Einerlei herausragen und die sich prima in Videoviews umwandeln lassen. Das bleibt selbst beim Makroblick aus Los Angeles nicht verborgen. Solche Storytelling-Künstler blühen erst dann so richtig auf, wenn das Geschäftsmodell nicht mehr möglichst hohe Reichweite mit einer Ausstrahlung fordert, sondern langfristige Kundenbindung durch prestigeträchtige Inhalte. Hiesige Produktionsfirmen hingegen bieten Netflix & Co. immer noch zu viel konventionelle TV-Ware an. Deswegen spüren sie derzeit, dass sie zumindest beim Erstkontakt öfter mal übergangen werden.

"Wir galten sehr lange als uncool. Das scheint sich jetzt zu ändern", sagte Baran bo Odar Ende November der "New York Times". Serien made in Germany – das hieß in der Außenwahrnehmung meist: Talent erkennbar, aber Innovationsstau wie Mehltau. Wenn Serien wie "Dark", "You Are Wanted" und kommende SVoD-Originals jetzt immer häufiger auf einen Schlag weltweite Verbreitung finden, dürfte das Bild bald differenzierter ausfallen. Die Ambitionen etablierter und noch in den Startlöchern stehender Streaming-Plattformen sind groß, der lokale Bedarf entsprechend riesig. Das 2017er Trio der Pioniere macht jedenfalls Mut: "Dark", "You Are Wanted" und "Jerks" werden nicht nur die Ehre behalten, die Allerersten gewesen zu sein, sondern auch allesamt 2018 in die Verlängerung gehen.

2. Das lineare Free-TV braucht mal wieder länger

"Das deutsche Fernsehen hat die Entwicklung der letzten 15 Jahre verschlafen." So hat der renommierte Regisseur und Drehbuchautor Uwe Janson kurz vor Weihnachten der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sein Herz ausgeschüttet. Und weiter: "Es stellt sich den neuen Herausforderungen nicht wirklich. Es fehlt Diversität in allen Bereichen, es fehlen Freiräume für Regisseure und Autoren, es fehlt der Mut, neu zu denken, neue Geschichten zu erfinden." Man würde gern widersprechen, nicht alles so negativ sehen. Aber der Macher von "Danni Lowinski", "Der Minister" oder "Das Pubertier" weiß, wovon er spricht.

This Is Us S02E10
© NBC
Welche Kraft, um nicht zu sagen: Magie, lineares Free-TV mit seinen wöchentlich ausgestrahlten Episoden im Idealfall haben kann, zeigt derzeit wohl am eindrucksvollsten das US-Network NBC. Dort folgt ein zweistelliges Millionenpublikum der hoch emotionalen Geschichte der Familie Pearson in "This Is Us". Es ist nicht übetrieben zu behaupten, dass Creator und Showrunner Dan Fogelman die Grammatik der Familienserie neu erfunden hat. Über mehrere Zeitebenen im rasanten Wechsel, mit komplexer Story-Architektur, vor allem aber mit Herz und Seele, stößt er grundlegende Fragen zum menschlichen Miteinander an. Wenn sich das deutsche TV 2017 an einer neuen Familienserie versucht, kommt sowas wie "Das Pubertier" dabei heraus. Nett gemachte, harmlos-spaßige Zerstreuung, die eher in den Vorabend als in die Primetime gepasst hätte.

Warum haben deutsche Zuschauer nicht die emotionale Qualität eines "This Is Us" verdient? Noch immer herrschen in vielen Sendern Publikumsunterschätzung und Risikovermeidungsdenken vor, auch wenn hier und da löbliche Ausnahmen wie "Club der roten Bänder" (siehe 3.) oder "Magda macht das schon" (siehe 4.) die Serienwelt bereichern. Das deutsche Pay-TV dagegen hat sich nach langem Anlauf erfolgreich freigeschwommen. Das haben Sky und Turner dieses Jahr mit zwei inhaltlich wie visuell herausragenden Serien unter Beweis gestellt: "Babylon Berlin" und "4 Blocks" liefern handfeste Argumente für die Abo-Gebühr und feiern nicht umsonst ihren internationalen Siegeszug. Für 2018 bleibt das Experiment, ob Öffentlich-Rechtliche mit zweitverwerteter Pay-TV-Ware reüssieren können.

3. Formate können doch was

Nach einer früheren Welle eher fragwürdiger Adaptionsversuche – erinnert sich noch jemand an "R.I.S."? – galten Fiction-Formate lange Zeit als erledigt. Aus deutscher Sicht hat sich das spätestens seit dem Publikums- und Kritikererfolg der Vox-Serie "Club der roten Bänder" geändert. Die Vorlage von Albert Espinosa, die ihre TV-Karriere im katalonischen Regionalfernsehen begann, bietet einen klaren Mehrwert: In einer emotional heiklen Umgebung steht ein erprobtes Storytelling-Gerüst. Dieses machen sich lokale Kreative kongenial zu eigen, um es entweder behutsam an ihre Welt anzupassen oder in Treue zur vorliegenden Grundhaltung völlig eigene Geschichten zu erzählen. Letzteres haben Arne Nolting und Jan Martin Scharf mit der dritten und finalen Staffel des "Clubs" exzellent vorgeführt. Hier ist "Formatfernsehen" definitiv kein Schimpfwort.

Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass die erfolgreichste neue US-Serie des Jahres – und die aktuell erfolgreichste Network-Serie überhaupt – eine Adaption aus Südkorea ist. "The Good Doctor", das Medical rund um einen jungen autistischen Chrirurgen, räumte dort 2013 Top-Quoten und etliche Preise ab. Hinter dem US-Remake bei ABC steht als Showrunner David Shore, der Mann, der einst "Dr. House" erfunden hat. Echte Profis erkennen eben die stärksten Stoffe, ohne über falschen Stolz zu stolpern. Dass Sky 2018 mit "Der Pass" auf eine deutsch-österreichische Version des mehrfach adaptierten Grenzkrimis "The Bridge" setzt und Vox wiederum auf die israelische Dramedy "Milk & Honey", hebt den Stellenwert von Serien-Formaten auf ein neues Level.

4. Sitcoms sind ein neuer Lichtblick

Magda macht das schon
© RTL/Mühle
Die zweiterfolgreichste deutsche TV-Serie bei den 14- bis 49-Jährigen – hinter dem langjährigen Spitzenreiter "Der Lehrer" – war dieses Jahr eine Sitcom. Eine neue Sitcom. Mit "Magda macht das schon" erreichte RTL allein bei der linearen Ausstrahlung durchschnittlich über 1,8 Millionen jüngere Zuschauer. In den Jahrescharts platziert sich die Serie vor "Germany's Next Topmodel", "Supertalent", "Bachelor" und "Big Bang Theory". Kein Wunder also, dass RTL ab 4. Januar mit der zweiten Staffel von "Magda" ins neue Jahr startet. Was hat sie, das so viele gescheiterte Sitcoms der vergangenen Jahre nicht hatten? Neben dem nötigen Maß an Pointen und Klischees erschafft Headautor Sebastian Andrae eine Welt, in der die größten Wünsche und Ängste der Deutschen – bis hin zur Pflegebedürftigkeit – warmherzig und humorvoll adressiert werden. So kann man das Schlagwort "soziale Relevanz" auch ausfüllen, das Programmverantwortliche so oft im Mund führen. Mit Verena Altenberger haben RTL und die Produktionsfirma Polyphon zudem die perfekte "Magda" für dieses Konzept gefunden.

Mit Erfolgsprognosen ist es so eine Sache. Aber immerhin sind die Startbedingungen für weitere Sitcoms im neuen Jahr nicht schlecht. Noch mehr als andere Genres sind die Comedy-Halbstünder nämlich von funktionierenden Umfeldern abhängig. Und da könnte "Magda" etwa als Türöffner für "Beste Schwestern" dienen, die von Warner Bros. und Headautor Mark Werner ins Rennen geschickt werden. Der viel versprechende Pilot lässt auf gelungene Familiengeschichten mit starken Frauenfiguren hoffen und auf eine sprühende Dynamik zwischen den ungleichen "Schwestern" Mirja Boes und Sina Tkotsch. Dass Amazon ab Ende Januar mit "Pastewka" einen vom Free-TV zu früh vernachlässigten Sitcom-Klassiker fortsetzt, dass ZDFneo mit der zweiten "Blockbustaz"-Staffel und mit Josefine Preuß in "Nix Festes" nachlegt, sichert dem Genre einen denkbar guten Start ins neue Jahr.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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