Ein Gastbeitrag von Hannes Jakobsen, Geschäftsführer der DRIVE beta GmbH. Er ist Mitglied im Gesamtvorstand der Produktionsallianz.
DWDL wird 25 - Happy Birthday. Wenn DWDL 50 wird, bin ich 67 und ich finde es schwer bis unmöglich, mir die Medienbranche in 25 Jahren vorzustellen. Denn gerade kommen verschiedene Faktoren zusammen, die vieles sicher geglaubte völlig auf den Kopf stellen. Ich glaube aktuell muss man deshalb eher auf Sicht fahren. Das heißt aber nicht, dass wir uns einfach dem Strom überlassen sollten. Wir sollten an einer positiven Vision für die Zukunft arbeiten. Deshalb kommen hier ein paar Gedanken zum Thema KI:
Als ich vor jetzt gut 3 Jahren das erste Mal ChatGPT geöffnet und ausprobiert habe hatte ich zwei Gedanken:
1. Das wird alles verändern!
2. Ich will da von Anfang an dabei sein!
Was ich dann hätte tun sollen: NVIDIA Aktien kaufen.
Was ich getan habe: KI-Projekte für die öffentlich-rechtlichen Sender entwickeln.
Aber dieser Weg hat mich auf eine wahnsinnig spannende professionelle Reise geschickt. Ich habe tolle und mutige Partner bei den Sendern und DRIVE beta gefunden, die gemeinsam ausprobiert, diskutiert und auch einfach gemacht haben. Dafür bin ich super dankbar. Seit letztem Jahr hat das Thema KI für mich nochmal ein neues Level erreicht: Zusammen mit meinen beiden Mitgründern und der Beta Film haben wir Chapter41 gegründet und ich darf in der Produktionsallianz die Arbeitsgruppe KI leiten und im Vorstand repräsentieren. Natürlich hat sich auch der Rest der Branche (und der Welt) immer intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt - mit wechselnden Gefühlen, in einer sich immer weiter beschleunigenden und verrückten Zeit.
Die meisten von euch kennen vermutlich den Gartner Hype Cycle. Er stellt dar, in welchen Stufen eine neue Technologie in der Breite adaptiert wird. Vom technologischen Auslöser über den Gipfel der überzogenen Erwartungen durch das Tal der Tränen auf den Pfad der Erleuchtung und schließlich das Plateau der Produktivität.
Ich weiß nicht wie es euch geht, aber aus meiner Sicht passt dieses Modell nicht so recht zum Thema KI. Ich habe deshalb ein neues Modell entwickelt, das meine Erlebnisse ganz gut abbildet. Und das sieht so aus:
Es ist nicht mehr ein Cycle, sondern ein dauerndes Wechselbad der Gefühle, eine Achterbahnfahrt, ein Springen zwischen Euphorie und Verzweiflung, zwischen Optimismus und Fatalismus. Und das so circa 3-5 Mal am Tag.
Das liegt aus meiner Sicht an 2 Dingen:
Einerseits ist die Schlagzahl, mit der die Technologie sich gerade entwickelt und wandelt, so hoch, dass es eigentlich jeden Tag einen oder mehrere technologische Trigger gibt, die einen kleinen oder großen Hype Cycle lostreten. Und das auf allen Ebenen, von der sehr persönlichen bis zur gesellschaftlichen. Das ist überfordernd!
Und bringt mich zum zweiten und aus meiner Sicht zentralen Punkt: KI war und ist ein so großer meta Hype, dass wir in den letzten Jahren angefangen haben, eigentlich alles “DIE KI” zu nennen. Wir nutzen den selben Begriff für Chatbots basiert auf großen Sprachmodellen mit denen wir über unsere Gefühle sprechen oder uns Rezepte entwickeln lassen, autonome Kampfdrohnen, Bild- und Videogenerierungsmodelle, automatisierte Kundenservice Hotlines, Porno Deepfakes, Datenbanken, Überwachungssoftware… You get the picture.
Und das ist ein echtes Problem!
Denn dieser inflationäre Gebrauch von “DIE KI” führt dazu, dass die teilweise absolut sinnvollen Ängste (autonome Kampfdrohnen, missbräuchlich eingesetzte Deepfakes, Auslöschung der Menschheit) aus einem Bereich dazu führen, dass wir in anderen Bereichen mit denselben Emotionen (Angst, Ablehnung, Aggressivität) aus meiner Sicht sinnvollen und kreativ spannenden Entwicklungen begegnen.
Auf den Punkt gebracht: Eine mit generativen Tools erstellte Motiongrafik ist nicht dasselbe wie ein Deepfake ist nicht dasselbe wie eine autonome Kampfdrohne. Und nur weil wir das Eine ablehnen, heißt es nicht, dass wir reflexartig das Andere ablehnen sollten.
Wie jede neue disruptive Technologie stellt uns KI in all ihren Formen vor viele Herausforderungen und Fragen, sowohl als Branche wie als Gesellschaft. Aber nur wenn wir wissen, was wir und unser Gegenüber genau meint, können wir die notwendigen Diskussionen sinnvoll führen. Wir müssen eine Sprache entwickeln, die nicht alles in einen Topf wirft und man am Ende nur dafür oder dagegen sein kann.
Also lasst uns aufhören von “DER KI” zu sprechen, lasst uns präzise sein in unseren Diskussionen.
Ich schlage vor, dass wir den Begriff “KI” und vor allem “DIE KI” so weit wie möglich aus unserem Wortschatz verbannen. Für unsere Branche finde ich Begriffe wie “generative Tools” (Sprachmodelle, Bildmodelle, Videomodelle, etc.), “Automatisierung”, “Machine Learning” (Verbesserte Rotoscoping Werkzeuge, Code basiertes Colorgrading, Relighting, etc) aber natürlich auch Klassiker wie “Autorenschaft”, “Kreativität” und “Authentizität” und Begriffe aus der KI Welt wie “Agentische Systeme”, “Agenten Steuerung” und “Multimodalität“ hilfreicher.
Und zuletzt brauchen wir natürlich Begriffe um über die Herausforderungen zu sprechen, mit denen wir im Zuge dieser technologischen Revolution umgehen müssen: “Deepfakes”, “Fake News”, “Data Ownership”, “Urheberrecht”, “Jobverlust”, etc.
Auch der EU AI Act macht hier übrigens sehr interessante Unterscheidungen, sowohl was die Begrifflichkeiten als auch Fragen der Kennzeichnung angeht. Es macht da zum Beispiel einen großen Unterschied, ob ich einen fotorealistischen Deepfake in einer Doku oder einer Fiktionsserie einsetze. Bei erkennbar künstlerischen oder fiktionalen Werken soll die Offenlegung so erfolgen, dass sie die Darstellung und den Genuss des Werks nicht beeinträchtigt - zurecht, wie ich finde!
Ihr seht, mir geht es nicht darum, mit einem Trick die schwierigen Diskussionen unter den Teppich zu kehren. Im Gegenteil. Ich glaube nur, wenn wir eine differenzierte Sprache finden und nutzen, können wir gleichzeitig die positiven Möglichkeiten der technologischen Revolution nutzen und den mit ihr kommenden Herausforderungen begegnen. Sonst stehen wir uns in verhärteten Fronten gegenüber, während die Entwicklung in rasendem Tempo weitergeht.
Denn egal wie sehr sich das manche wünschen: Der Geist wird sich nicht wieder in die Flasche stecken lassen. Es ist so gekommen, wie ich es vor 3 Jahren gedacht habe. Alles ändert sich, und zwar schnell. Aber ich bin in hohem Maße optimistisch, dass es richtig gut werden kann, wenn wir da gemeinsam dran arbeiten.
Wie vor 3 Jahren habe ich das starke Gefühl: Ich wünsche mir, da weiter ganz vorn mit dabei sein! Und ich freue mich sehr auf den Austausch in der Branche, mit den Sendern und der Politik und die differenzierte journalistische Begleitung des Themas hier bei DWDL.













